Rückblick Teil 2 – Das Ende der Unschuld

Auch ich war oft auf der Bank zu Gast, die für mich fast schon Symbolcharakter besaß und einen Ort des harmonischen Miteinanders darstellte, welches mir sonst eher nicht geboten wurde. Oma verehrte Altbundeskanzler Kohl, kochte leckeres Essen, trug immer eine knallbunte Kittelschürze und war nie um die eine oder andere kecke Anekdote verlegen. Obwohl ich ihr so manchen Kummer bereitete, war sie mir Zeit ihres Lebens wohlgesonnen und verwöhnte mich mit frisch gepflückten Erdbeeren, schmackhaftem selbstgebackenen Kuchen und etlichen weiteren Dingen, die das Leben erst lebenswert machen.
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Rückblick Teil 1 – Licht und Schatten

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Auch mir waren diese löblichen Absichten einmal keineswegs fremd, nur liegt das schon gefühlte 293 Jahre zurück. Mindestens. Es fällt mir schwer zu sagen, wann ich die einstige Motivation über Bord warf, und das Pferd von hinten aufzuzäumen begann. Eine genaue Zeitbestimmung ist sicherlich unmöglich, da es sich hier um schleichende Prozesse handelt, die nicht über Nacht ihre Vollendung fanden. Im Jahr 1997 kannte ich jedenfalls noch so was wie hehre Ziele und wollte eigentlich nach dem unrühmlichen Abgang aus meinem Lehrbetrieb nur drei Monate pausieren, dann in den Zivildienst starten und darauf eine berufliche Karriere einschlagen, wie sie eines Kleinstadtbürgers gebührt. Doch es sollte anders kommen. Ganz anders. Weiterlesen

Brief an meinen Vater

Hallo Vater,

ich habe lange überlegt, ob ich dir diesen Brief schreiben soll oder nicht, weil es unterm Strich ja doch nichts ändert. Dennoch bin ich der Meinung, dass du wissen solltest, was Sache ist. Es geht mir hier nicht um Schuldzuweisungen oder Ähnliches, sondern lediglich darum, dich mal ein bisschen in meine Welt mitzunehmen. Ich erwarte gar nicht, dass du antwortest, denn dazu fehlt dir sicherlich der Mut. Vielmehr glaube ich, dass wir uns in diesem Leben nie mehr sprechen oder sehen werden. Ich habe keinen Vater mehr und genau genommen hatte ich nie einen.
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Logbucheintrag #13 – Hand in Hand

Heute ist der denkbar beste Tag, um mich auch mal öffentlich bei den wunderbaren Frauen zu bedanken, die in den letzten 40 Jahren meinen Weg kreuzten. Die mir Sanftheit lehrten und halfen, mich von veralteten Rollenklischees zu befreien oder meine Männlichkeit zu liberalisieren. Die mir jedes Mal, wenn ich mit Faust und Kopf durch die Wand brechen wollte, einen besseren Weg zeigten. Die meinen Geist, aber auch mein Herz mit Mut, Diversität, Wissen, Kraft und einem facettenreichen Spektrum des Fühlens erfüllten. Dies sind nur ein paar der Gründe, warum es für mich unabdingbar ist, sich für Gleichheit und Feminismus einzusetzen. Nicht nur am Internationalen Frauentag, sondern immer.

Logbucheintrag #12 – Auf hoher See

“Northwest Passage” von The Real McKenzies war mein bedeutendster Song in 2017. Ich hörte ihn fast täglich an, denn er half mir, dieses beschissene Jahr durchzustehen. Ich schloss meine Augen, sang den Text und konnte die Seebrise beinahe auf meiner Haut spüren. In Gedanken bereiste ich die sieben Weltmeere und sah all die Wunder dieser Erde. Für ein paar Minuten war ich nicht mehr in meiner Wohnung oder in Berlin gefangen. Es gab keine Angst und keine Dunkelheit. Ich war frei. Das ist nur einer von unzähligen Gründen, warum Musik so wichtig für mich ist. Sie lässt mich überleben.
 

Es ist kalt geworden in Berlin

Berlin war noch nie eine Stadt, die Menschen sofort mit offenen Armen empfing. Ganz im Gegenteil, wer hier längerfristig seine Zelte aufschlagen möchte, muss schon einen langen Atem und jede Menge Selbstständigkeit mitbringen, um irgendwann wirklich anzukommen. Jenseits des Partyrummels, der Trends und Aufgeregtheit liegt nämlich ein riesengroßes Brachland aus Unverbindlichkeit, das jeder früher oder später durchschreiten muss. Zumindest dann, wenn man sich nicht zeit seines Lebens mit oberflächlichen Bekanntschaften und schneller Bedürfnisbefriedigung begnügt. Grundsätzlich war das hier schon immer so, nur hat sich jene Bedeutungslosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich in den letzten paar Jahren drastisch verstärkt. Eine Erkenntnis, die ich mit etlichen Leuten aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten teile.
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Vier Jahre, meine Mutter und ich

Als Mutter zum letzten Mal vor mir stand, war ich schwerst depressiv und in nervöser Aufbruchsstimmung. Denn nur einen Tag nach ihrer Ankunft in Berlin machte ich mich auf den 500 Kilometer langen Weg zur Rehaklinik. In den ersten Wochen wollte Mama meine Katzen hüten und die Spreemetropole ausgiebig erkunden, was sie auch tat. Das war im März 2014. Seither vergingen beinahe vier Jahre, in denen ich zwar regelmäßig mit ihr telefonierte, sie aber nicht zu Gesicht bekam. Dabei trennen uns gerade mal dreieinhalb Autostunden. Mehrfach fragten mich Freunde und Bekannte, warum wir uns so selten sehen und genauso oft erzählte ich von den Ängsten und anderen widrigen Umständen. Es hatte einfach nicht sein sollen.
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