Vier Jahre, meine Mutter und ich

Als Mutter zum letzten Mal vor mir stand, war ich schwerst depressiv und in nervöser Aufbruchsstimmung. Denn nur einen Tag nach ihrer Ankunft in Berlin machte ich mich auf den 500 Kilometer langen Weg zur Rehaklinik. In den ersten Wochen wollte Mama meine Katzen hüten und die Spreemetropole ausgiebig erkunden, was sie auch tat. Das war im März 2014. Seither vergingen beinahe vier Jahre, in denen ich zwar regelmäßig mit ihr telefonierte, sie aber nicht zu Gesicht bekam. Dabei trennen uns gerade mal dreieinhalb Autostunden. Mehrfach fragten mich Freunde und Bekannte, warum wir uns so selten sehen und genauso oft erzählte ich von den Ängsten und anderen widrigen Umständen. Es hatte einfach nicht sein sollen.
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Gedanken eines zynischen Raumfahrers

Mein Leben trug schon immer surreale Farben. Vieles in den letzten 40 Jahren erschien mir unwirklich und diffus, als hätte ich es in einem Film gesehen oder Büchern entnommen. Im Gegensatz dazu standen diverse Träume, die wesentlich greifbarer waren. Deren süßliches oder bitteres Aroma ich beinahe auf der Zunge schmecken konnte. Die mich nachhaltig beeinflussten, sei es im Guten oder im Schlechten. Zugegebenermaßen kam das nicht allzu oft vor, aber darum geht es mir auch gar nicht. Vielmehr möchte ich das Augenmerk auf den ersten Teil dieser Einleitung legen. Nämlich darauf, dass ich der täglichen Realität nicht mehr glauben oder trauen kann. Weder bringt sie mich näher an meine Umwelt, noch kann sie Zuversicht oder Perspektiven liefern.
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Gefangen zwischen den Jahren

Die Weihnachtstage sind vorbei und wie immer bin ich dafür auch ein bisschen dankbar. Zwar genoss ich die Stille im Kiez und war froh, ein paar Stunden ohne meine endlos streitenden Nachbarn erleben zu dürfen, aber mehr auch nicht. Am 24.12. fing eigentlich alles gut an, denn ich bekam überraschenderweise Besuch und verbrachte einen kurzweiligen Abend, völlig losgelöst von großartigen Erwartungen oder falscher Besinnlichkeit. Ein durchaus gelungener Auftakt, der mich positiv auf die nähere Zukunft blicken ließ. So konnte ich den Montag recht gut alleine stemmen, ohne zu viel nachzudenken oder meine fehlende Familienzugehörigkeit zu betrauern. Am Dienstag dagegen sollte ich so tief wie schon lange nicht mehr sinken.
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Weihnachten für Einzelgänger

Seit nun mehr acht Jahren verbringe ich die Weihnachtstage alleine bei mir zu Hause. Was für andere immer noch ein absolutes No-Go ist, wurde in meinem Leben längst schon zur Gewohnheit. Mit Schrecken erinnere ich mich an Zeiten zurück, in denen ich im Kreise der Familie eine Farce der Glücksseligkeit feierte, die deprimierender nicht sein konnte. Als Kind ging das Ganze noch irgendwie, weil man sich auf Geschenke fokussierte und den faden Beigeschmack weniger wahrnahm. Die einzige Zusammenkunft nach meinem 18. Geburtstag mutierte dagegen zur tränenreichen Katastrophe voller Heuchelei. Wenn sich hinter einer hauchdünnen Schicht aus Besinnlichkeit der Müll meterhoch stapelt, lässt sich das eben nur schwer ausblenden.
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Liebesgrüße aus der Leistungsabteilung

Am 29. August erreichte mich ein Brief vom Jobcenter, der mir den Boden unter den Füßen wegzog. Eigentlich bin ich von jener Institution einiges gewohnt und lasse mich auch durch den scharfen Ton ihrer Schriftstücke nicht mehr allzu lange aus der Ruhe bringen. Bis zu dieser annähernden Gelassenheit war es jedoch ein langer Weg. Und an besagtem Dienstagmorgen konnte davon keine Rede sein. Denn im gewohnt nüchternen Amtsdeutsch verlangte die Leistungsabteilung diesmal einen Nachweis der Antragsstellung auf Erwerbsminderungsrente. Dafür hatte ich eine Frist von 12 Tagen und bei Nichterfüllung drohte man mir mit den üblichen Strafmaßnahmen bis hin zur Totalsanktion. Wie vom Donner gerührt stand ich minutenlang still in meiner Küche und gab mich den schlimmsten Katastrophenszenarien hin. Würde ich auch diesen neuen Kampf noch durchstehen?
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Das Jahr ohne Sonne

Im Februar verfasste ich den Artikel „Nichts ist, wie es war“, in dem persönliche Fortschritte des Jahres 2016 dokumentiert sind. Ich konnte tatsächlich einiges an meiner Situation verbessern und Boden gutmachen, was natürlich jeder lesen sollte. Anfang 2017 wendete sich das Blatt dann jedoch wieder, denn es traten physische Schmerzen auf den Plan, die mich circa vier Monate begleiteten. Zudem begann ich im März, nach dreizehn Wochen Abstinenz, wieder mit dem Trinken. Danach ging es dann Schlag auf Schlag. Meine Angststörung erreichte ab April neue Höhepunkte und vernichtete beinahe alles, was ich mir an Lebensqualität zurückerobert hatte. Jeder noch so kleine Schritt in die Öffentlichkeit war mit bizarren Befürchtungen verbunden und auch zu Hause verfolgte mich die Dunkelheit bis in den Schlaf.
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