Bastard aus der Mitte (Teil 1)

Schmetterling auf GrabsteinEr hatte genug zu kämpfen mit den bestialischen Bildern in seinem verdammten Kopf. Die miese Diashow stoppte nicht mal zur Mittagspause und besaß keinerlei Methodik. Es hämmerte nur so durch seinen Schädel. Nackte, schwitzende Leiber rieben sich aneinander. Blut schoss aus klaffenden Wunden, Feuer stieg herab und verbrannte makellose Haut. Schreie…Trauer. Er hasste sich dafür. Das Licht der gnädigen, gottgegebenen Sonne sollte sein Gesicht nicht mehr erwärmen. Er wurde damals mitgerissen in einen Strudel aus Dekadenz und Zügellosigkeit. Doch nur in seiner Fantasie. Niemals gewährte man ihm einen dieser Dämonen in der Wirklichkeit. Niemals roch er jenen subtilen Odem des Fleisches. „Du warst so ein ruhiges Kind!“. Es dröhnte in ihm. Immer wieder dieser Satz. Der Satz seiner Mutter. Einer Mutter die nicht verstand, warum gerade das aus ihrem Sohn wurde. Ein Bluthund des Lebens. Ein Mensch inmitten tausender anderer Menschen, der nicht mehr funktionieren wollte. Er konnte nicht mehr arbeiten gehen, Steuern zahlen, dreimal im Monat Sex haben, viermal am Tag pissen. Nein!

Gott sah es. Gott hätte es verhindern können, aber der große Meister hüllte sich in nebulöses Schweigen. Wie oft hat er ihn angefleht und schrie in einen zornigen, dunklen Himmel: „Herr, wasche mich rein. Töte die Keime meiner Seele. Lass es enden!“. Dies ist die schlimmste aller Qualen. Sein gütiger Hirte war plötzlich nicht mehr da. Er hatte all die Jahre gebetet, sich in seiner wahnsinnigen Liebe zu Gott selbst verstümmelt und in die Einsamkeit geflüchtet. Und dann jenes niederschmetternde Fazit. Der Himmel war leer, das Tal der Tränen dagegen prall gefüllt mit Leid, Isolation und Agonie. Ein dumpfer, immerwährender Schmerz riss ihn zurück an die Oberfläche. Es sollte kein ewiges Leben geben. Er war immer noch in seiner Wohnung und saß dort auch immer noch auf der abgewetzten Couch, die schon bessere Tage gesehen hatte. Doch was war geschehen?

Er vermochte nicht, diese essenzielle Frage zu beantworten. Er musste weg. Hastig griff er sich seine Jacke, schaltete das Licht aus und tauchte hinab in die Nacht der anonymen Großstadt. Die Nacht vergibt vieles. Sie sieht über Makel hinweg, deckt mit ihrem sanften Schleier Blut, Kotze und Versagen zu. Sie ist gnädig und dennoch pur. Eine klare Ansage, trotz aller Nachgiebigkeit. Seine Stadt, die eigentlich nie schlief, schien ein wenig zur Ruhe gekommen zu sein. Vereinzelt sah er Menschen, aber das große Spektakel konnte er nicht ausmachen. Tranceartig schritt er durch die Straßen, die sich wie bissige Vipern wanden, ohne jemals selbst in Bewegung zu sein. Sie waren Beobachter, zur Passivität verdammt. Vorbei an Boutiquen und Shops führte ihn der Weg. Die stakkatoartigen Konsumbotschaften in den Schaufenstern hatten schon lange keine Wirkung mehr auf seine Psyche. Früher gab es noch vereinzelt Momente, in denen er durch die Befriedigung materieller Wünsche kurze Momente des Glücks verspürte, doch diese Tage liegen sehr weit zurück. Wo andere bei einer spürbaren Abstumpfung einfach die Dosis erhöhten, wählte er einen rückwärtsgerichteten Weg und begann sich mehr und mehr von der Medikation zu entfernen. Kein Opium, kein Volk. Der Bastard tief unten war hartnäckig und ließ sich nicht mit billigem Schauspiel beeindrucken.

Die schrille Melodie eines Spielautomaten zog in jäh aus den Gedanken und versicherte ihm, dass sein vorläufiges Ziel erreicht war. Die Geräusche drangen aus einem kleinen Laden, der ruhelosen Nachtkindern dies bot, was ihnen kurze Augenblicke lang Trost verschafft. Alkohol, Tabak, Junkfood, alles abgesehen vom anonymen Fick konnte man hier erstehen. Und der durfte meist kurze Zeit später irgendwo vollzogen werden. Eines führt eben auch in der Zwischenwelt zum anderen. Bier, ein paar Schnäpse und drei Euro im Automaten sollten genügen, um selbst ihm etwas Zerstreuung zu verschaffen. Die scharf konturierten Bahnen im Kopf müssen weicher werden. Lassen wir die Schwerter für einen kurzen Moment ruhen und geben der Hure ihren wohlverdienten Schlaf! Er trat ein, bestellte seinen Sprit und warf die erste Münze in den Schlitz des Automaten. Play me a song, du kleine Maschine! Tatsächlich ließ sich das Gerät nicht lange bitten und lieferte einen kleine Weise des Stumpfsinns, die ihm sogar zu gefallen schien. Er hatte sich den ersehnten kurzen Vorsprung verschafft und seinen Häschern im Geiste ein Schnippchen geschlagen. Doch die Bestie mit ihren gefletschten Zähnen wartete geduldig im Schatten und war bereit für den alles entscheidenden Schlag. Gewitter zogen auf..

Hier konnte er nicht bleiben, soviel stand fest. Wenn der Lärm das Monstrum nicht anlocken würde, dann täte es das grelle Licht mit Sicherheit. Auf einem derartigen Präsentierteller hätte er nicht den Hauch einer Chance gegen die Todesschwadronen, welche sich dicht auf seinen Fersen befanden. Nervös stand er vom Stuhl auf und verließ das Geschäft ohne einen weiteren Blick oder irgendwelche Worte zu verlieren. Er musste eine komische Figur abgegeben haben, jedoch auch nicht komischer, als all die anderen Idioten an diesem Ort. Sicherlich hielt man ihn für einen Junkie, der irgendwo zwischen Fix und Fix in den Seilen hing und den Anschlusszug verpasste. Business, wie man ihn hier kennt und liebt.

Ziellos stolperte er zurück auf die Straße und lief mit schnellem Schritt davon. Wo könnte er sich nur verstecken? Wo würde man ihn am wenigsten vermuten? Wo? Kein Geistesblitz erhellte die Dunkelheit, deshalb ging er einfach immer weiter. Und weiter. Wie lange er so herumirrte, wusste er nicht. Es hatte auch keinerlei Relevanz mehr, als er plötzlich wie ferngesteuert an einer roten Tür stehenblieb. Er befand sich vor einem heruntergekommen Haus in einer kleinen vollkommen menschenleeren Seitenstraße. Fenster gab es keine, und die Tür war aus massivem Holz, in dem sich nur ein kleiner rechteckiger Schlitz abzeichnete, der wohl von innen geöffnet werden konnte. Den einzigen Anhaltspunkt was sich hinter der gewöhnlichen Fassade versteckte, bot ein kleines Messingschild mit der Aufschrift „Last Exit“.

Ein letzter Ausweg ist besser als keiner, dachte er bei sich und klopfte zaghaft an die unscheinbare Pforte. Nichts. Keine Regung und kein Laut. Er musste hinein, warum auch immer. Der zweite Versuch war schon wesentlich bestimmter und das Klopfgeräusch lauter. Vier, drei, zwei, eins. Mit roher Gewalt stieß jemand von innen den Sehschlitz auf und fixierte ihn mit starren Augen, die sicherlich keiner Naturschönheit gehörten. „Du. Gut! Wir haben dich bereits erwartet. Komm rein!“, sprach der Unbekannte ruhig und gewährte ihm sogleich Einlass. Bevor sich seine Augen an die Dunkelheit im Inneren gewöhnt hatten, nahm er bereits den widerlich süßlichen Geruch wahr, der zu ihm drang. Ein leises Wimmern komplettierte den ersten Eindruck und ließ ihn kurz innehalten. Wer auch immer hier sein Lager aufgeschlagen hatte, wusste etwas von Leid und tauchte freudig in die tiefsten Abgründe. Er war angekommen…

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