Atombomben Blues

Eingang zum LuftschutzbunkerEin nuklearer Fallout, was ist das eigentlich? Bradley hatte erst vor ein paar Wochen zum ersten Mal davon gehört, und heute schon konnte er wesentlich mehr darüber sagen als ihm lieb war. Die Bombe fiel tatsächlich, denn irgendwer muss immer über die Stränge schlagen und in einem Anflug von Größenwahn am falschen Hebel herumspielen. Welches Land es letztlich war tat für Bradley, der in den Trümmern seiner zerstörten Wohnung saß und einer strahlenden Zukunft entgegenblickte, kaum etwas zur Sache. Das Ende stand vor der Tür und Tausende um ihn herum sind vermutlich schon gestorben. Wie kam es eigentlich dass er nicht auch den Weg alles Irdischen gegangen ist, obwohl Brad sich außerhalb des Bunkers befand? Am 11. Oktober lachten noch fast alle Einwohner aus seinem kleinen Heimatstädtchen über ihn. Keiner konnte damals glauben dass wirklich jemand so verrückt ist, mit nuklearen Sprengköpfen zu hantieren. Nun, oft macht man die Rechnung eben ohne den Wirt. Nur wenig später wurden aus reichlich albern erscheinenden Drohungen einer verzweifelten Nation dann konkrete Pläne, die einige aus seiner Mitte gehörig verängstigten. Sollte der Bunker etwa doch nicht ganz sinnlos sein? Vielleicht wäre es an der Zeit die nötigen Vorräte einzukaufen. Man kann ja nie wissen.

Bradley tat es. Er besorgte Lebensmittel, Wasser, Decken, Medikamente und ein bisschen Süßkram für die Seele. Old habits die hard! Zwei Tage danach entspannte sich die Lage vermeintlich, und Brad kam sich wie ein Idiot vor. „Alles geht zurück auf normal und ich habe Konserven bis zum übernächsten Weihnachten im Haus“, grummelte der unzufriedene Konsument. Naja, es hält sich wenigstens. Am nächsten Abend als er gerade mit Pökelfleisch aus der Dose am Esstisch saß, klingelte es an der Tür. Hektisch und ausdauernd. Wer kann das um diese Zeit noch sein? Etwa eine hungrige Seele die ihm helfen würde seinen Vorrat abzutragen? Er erhob sich, öffnete und blickte in ein angstverzerrtes Frauengesicht. Sally von Nebenan stand vor ihm und rief: „Es geht los! Sie haben die Alarmstufe auf Rot erhöht. Die wollen uns wirklich angreifen! Wir müssen hier weg!“ Also doch, Brad hatte Recht behalten und wusste natürlich mehr als jeder andere um ihn herum was jetzt zu tun ist. Ruhig bleiben, das Licht ausschalten und ab in den schützenden Betonkeller, der wahrscheinlich längerfristig das Heim für Sally und ihn werden würde.

„Keine Sorge, in meinem Bunker wird uns nichts passieren! Ich habe genügend Vorräte für mindestens sechs Monate da unten. Und Bücher, Brettspiele, Nähzeug…“ Weiter kam Bradley mit seinen Ausführungen nicht, bevor eine unglaubliche Druckwelle die Beiden erfasste und er ohnmächtig wurde. Brad hatte keine Ahnung wie lange er in seinem Flur lag bis er wieder zu sich kam und das ganze Ausmaß der Verwüstung wahrnahm. Sein einst so behagliches kleines Reich war nur noch ein riesiger Haufen aus qualmendem Schutt. Überall Glasscherben, Holz, zerborstene Möbel und selbst das eingerahmte Bild von Mutter und Vater ist den unbekannten Angreifern nicht heilig gewesen. Im Wohnzimmer klaffte zudem ein großes Loch in der Wand, das den Blick auf den Garten freigab und in weiterer Ferne einen strahlend blauen Himmel erahnen ließ. Was auch immer hier eingeschlagen ist, es war keine Atombombe. Vielleicht nur ein kleiner Aperitif für das Hauptgericht welches demnächst serviert wird.

Ein leises Stöhnen riss ihn aus den Gedanken, das nur von Sally kommen konnte, die er beinahe vergessen hatte. „Sal, bist du ok?“, fragte Brad mit einer Mischung aus Besorgnis und Schuldgefühl im Ton. Keine Antwort. „Sally, wo steckst du denn?“ Stille. Trotz der starken Benommenheit rappelte Bradley sich auf und torkelte wie ein Alkoholiker nach fünf Stunden Trinksport ins Freie. Im völlig ruinierten Garten vor dem Haus fand er seine Nachbarin, die mit weit aufgerissenen Augen in den Himmel starrte und völlig regungslos dastand. „Gott sei Dank, du lebst“, rief er Sally zu und deutete dabei hektisch auf die Luke des Bunkers. „Schnell, wir müssen da rein! Die werden uns hier gleich richtig Feuer unterm Arsch machen!“ Brad war eigentlich kein Freund von derartiger Rhetorik, konnte aber einfach nicht umhin diesmal deutliche Worte zu benutzen. „Selbst Mutter wäre mir in so einer Situation nicht böse gewesen.“, dachte er.

Sally, die kein Wort sprach, stand weiterhin regungslos da und blickte nach oben. Brad lief zu ihr, schüttelte sie und bat erneut ihm in den Bunker zu folgen. Einen kurzen Moment später erwachte Sal aus dem Schockzustand. Mit letzter Kraft schlurften die beiden traurigen Helden zur Einstiegsluke des Schutzkellers. „Wir haben es geschafft, endlich in Sicherheit!“, ergriff Bradley wie immer als erster das Wort, nachdem sich Sally auf eine der beiden Liegen im hinteren Teil des Raumes gesetzt hatte. „Nun sollen die sich wegen mir da oben die Köpfe einschlagen und den gesamten Erdball durchschütteln. Hier kann uns nichts passieren, und wenn wir in ein paar Wochen wieder rauskommen liegt das Schlimmste schon hinter uns. Ich werde jetzt erst mal Kekse aufmachen und eine schöne Kanne Tee kochen, schließlich müssen wir wieder zu Kräften kommen. Möchtest du lieber Pfefferminz oder Kamille? Als Kind habe ich Pfefferminz ja gehasst, aber irgendwann vor ein paar Jahren hat Mutter mal…“

Der kurz darauf zu hörende Schuss kam aus nächster Nähe und ließ Bradleys Worte abrupt verstummen. Wie ein nasser Sack fiel er in sich zusammen und knallte ungebremst auf den kalten Boden. Aus dem kleinen Loch an seinem Kopf ergoss sich tiefrotes Blut, das sanft plätschernd über den Beton floss. Sally beobachtete all dies ohne auch nur eine Miene zu verziehen. „Durch deine krankhafte Routine wirst du die ganze Scheiße auch nicht wieder geradebiegen.“, sprach sie mit ruhiger Stimme. „Es sind Idioten wie du, die den Spinnern da draußen erlauben Gott zu spielen. Dir war doch dein beschissener Rasen tausendmal wichtiger als alle Menschen in diesem Kaff zusammen. Während Bradley Hutchins oben die Blumen goss, hauste in den brüchigen Spalten unter seiner Realität eine tiefe Schwärze die nur auf ihre Zeit wartete. Vielleicht ist die Menschheit wirklich nur eine Betaversion, die es niemals auf zwei Beine hätte schaffen sollen.“

Sally sah an die Decke des Kellers und ihr Blick wanderte langsam zur Falltür, die diese Welt von jener an der Oberfläche trennte. Sie atmete tief ein, verschloss die Augen und flüsterte fast lautlos: „Amen, du Wichser.“ Wenig später beendete ein präzise ausgeführter zweiter Schuss auch ihr Leben. Es war kein guter Tag für Kekse und Tee.