Neue Ufer, alte Ängste (1) – Aufbruch

Straße ins UnbekannteAm 20.04. habe ich es endlich getan. Nach langem Grübeln, schlaflosen Nächten und nagenden Zweifeln bat ich meinen Chef um 9.32 Uhr zum persönlichen Gespräch und teilte ihm mit dass ich die Firma verlasse. Stille, temporäre Gesichtslähmung und leichte Fassungslosigkeit bei dem Gegenüber. Ja, das kam unerwartet. Zweieinhalb Jahre als Angestellter brachten mir einen recht sicheren Stand in dem kleinen Betrieb ein, und auch die meisten Kollegen konnte ich für mich gewinnen. Selbst während der neunmonatigen psychisch bedingten Krankheit schien niemand auf die Idee zu kommen mich mit Sanktionen zu belegen oder mir gar zu kündigen. Kurzum, ich gehörte einfach dazu, und das mutmaßlich nicht nur am Rande, sondern recht zentral.

Vom Logischen her sprach ja auch vieles für den Job. Nach Berliner Verhältnissen hatte ich einen geradezu paradiesischen Anfahrtsweg von circa zehn Minuten mit meinem klapprigen Damenrad. In Rennradzeit umgerechnet ist das sicherlich nicht einmal die Hälfte. Ebenfalls toll war die Tatsache dass ich bei der Arbeit rein äußerlich ich selbst sein konnte, ohne dafür jemals Kritik einstecken zu müssen. Bei meiner doch recht bunten Persönlichkeit will das durchaus etwas heißen. Ich bin mir sicher dass nicht jeder Chef die Größe besessen hätte mich mit einem 8mm Nasenring, tätowierten Händen und „Slayer“ T-Shirt auf wichtige Geschäftspartner loszulassen. Michael, um den Menschen beim Namen zu nennen, tat es weil er anscheinend von meinen fachlichen und rhetorischen Fähigkeiten überzeugt war.

Dieses Vertrauen gab mir ein gewisses Gefühl der Bestätigung und obengenannte Faktoren versüßten die Zeit im Betrieb zusätzlich. So fiel es mir auch nicht sonderlich schwer über die geringe Bezahlung und die leider arg stumpfsinnige Computerarbeit hinwegzusehen. Man soll schließlich dankbar sein für das was man hat, anstatt immer nach den Sternen zu greifen. Sagten zumindest meine Mutter und etliche Sprachrohre der Vernunft in dieser Gesellschaft. Als Berliner brauchte ich mir nur die zahlreichen Horrorgeschichten anhören, welche Freunde aus ihren hippen „Mediaspree“-Häusern erzählten, um längerfristig bei dem familiären Unternehmen mit lieben Kollegen und fairem Chef zu bleiben. Keine Frage, die Anstellung war zumindest temporär eine durchaus schätzenswerte Sache.

Leider jedoch verliert auch das schönste Geschenk irgendwann seinen Glanz und so stellte sich mir nach circa acht Monaten zum ersten Mal die Frage ob diese Tätigkeit wirklich das ist was ich für den Rest meines Lebens tun möchte. Eine klare Antwort darauf wäre mir sicherlich deutlich schneller in den Sinn gekommen wenn ich nicht im November 2013 einen totalen Zusammenbruch erlitten und mich fortan um deutlich existenziellere Dinge gekümmert hätte. Meine Akte reicht zurück bis in das Jahr 2000 und sowohl Gruppen- als auch Einzeltherapien waren mir bereits sehr vertraut, aber so nahe am Suizid stand ich dennoch nie zuvor. Ich verlor nicht nur jeglichen Lebenswillen, sondern besaß auch keinerlei Kraft mehr um den Alltag zu bestreiten oder in irgendeiner Weise an gesellschaftlichem Miteinander teilzunehmen. Es besteht kein Zweifel daran dass dies die schwärzesten Tage aller Zeiten waren und ich dringend Hilfe benötigte um nicht elendig zu krepieren.

Ohne hier einen Schuldigen suchen zu wollen muss ich sagen dass mich nicht zuletzt das Vertrauen in die üblichen Binsenweisheiten der stets allwissenden Mehrheit in jene besorgniserregende Lage manövrierte. So erklärten mir beinahe alle Bekannten die um meinen psychischen Zustand wussten, dass geregelte Arbeit nach längerer Erwerbslosigkeit mehr oder weniger ein Allheilmittel für jedes Problem wäre. Ich käme unter Menschen, würde Anerkennung, Aufgaben und Einkommen erhalten und tägliche Ablenkung vom Grübeln gäbe es noch gratis obendrauf. Durchweg grundsolide Argumente die unter anderen Umständen sicherlich mehr als angebracht gewesen wären, zum damaligen Zeitpunkt aber dennoch lediglich ein Herauszögern des Worst-Case-Szenarios bewirkten. Hätte ich im Januar 2013 auch nur ansatzweise Ahnung über Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Achtsamkeit gehabt, wäre ich in eine Klinik gegangen ohne mich vorher bereits stark angeschlagen in den neuen Job zu stürzen. Nun, ich tat es trotzdem und hoffte durch die Tätigkeit eine baldige Besserung meines Zustandes zu erzielen, was man mir ja so blumig prophezeite. Leider trat genau das Gegenteil davon ein, denn es ging stetig bergab und keineswegs hoch hinauf.

Es ist mir nach wie vor unerklärlich wie ich es schaffte im Berufsleben die Fassade eines lebensfrohen, empathischen Zeitgenossen aufrechtzuerhalten und gute Arbeit abzuliefern, während ich privat kaum noch die nötigen Reserven aufbrachte um hin und wieder mal meine Eltern anzurufen. Diese Gabe besitzen etliche Menschen mit psychischen Problemen, was ich aus diversen Gesprächen entnehmen konnte. „Funktionieren geht immer“, war ein gerne angewandter Satz. Welchen enormen Preis man dafür zahlte, wurde mir meist erst später offenbart. Während meiner Klinikaufenthalte traf ich mehrfach auf wunderbare Persönlichkeiten, die als echte Arbeitstiere bekannt waren und sich bereitwillig einen Auftrag nach dem anderen zuschieben ließen, ohne zu murren. Ihr extrem hoher Selbstanspruch macht diese Gattung zu einem leichten Fang für rigorose Optimierungsfanatiker, die die Arbeitseffektivität natürlich nur zu gerne bis zur Schmerzgrenze steigern.

Eine derartige Vollgashaltung muss irgendwo kompensiert werden, soviel ist klar. Selbstverständlich passiert dies dann hauptsächlich im Privatleben, schließlich soll ja keiner mitbekommen dass man bereits über das Limit getrieben wurde, und vor Erschöpfung kaum noch den Einkaufszettel verfassen kann. Längerfristig hält man so ein mörderisches Rennen oft nur durch, indem man sich komplett auf den Beruf konzentriert und in der Freizeit alle Aktivitäten deutlich bzw. komplett reduziert. Mehrere Mitpatienten erzählten mir bspw. dass sie jedes Wochenende von Weinkrämpfen, Zwangsstörungen oder Panikattacken heimgesucht wurden, was jegliche Unternehmung abseits vom Job unmöglich machte.

Hier spielt nun noch der Faktor Scham hinein, welcher Betroffene häufig veranlasst auch den Freundeskreis komplett uninformiert zu lassen und mit dem totalen Rückzug stark zu verunsichern. Je nachdem wie lange dieser Prozess andauert, distanzieren sich auch die ambitioniertesten Weggefährten verständlicherweise irgendwann und hinterlassen einen vereinsamten, zutiefst depressiven Menschen, der jeden Montagmorgen eine Maske aufsetzt um vor den Kollegen die selbe traurige Show abzuspulen. Doch nur weil „funktionieren immer geht“ heißt das noch lange nicht, dass man auch die Verpflichtung hat es bis fünf vor zwölf zu tun. Wie viel Mut man benötigt um ganz bewusst aus der perfiden Maschinerie auszusteigen und sich zum freien Ziel für Häme oder Kritik zu machen, dürfte bekannt sein. Weniger offensichtlich ist dagegen was für ein riesiges Plus an Lebensqualität man gerade aus der liebevollen Annahme eines angeblichen Makels gewinnen kann. Doch dazu mehr im zweiten Teil von „Neue Ufer, alte Ängste“.

2 Kommentare

  • Peter Hofmann

    Willkomen zurück, und viel Glück in deinem neuen Leben, so offen damit umzugehen erfordert viel Mut – lieber gruss aus Franken Peter

  • Du hast eine sehr schöne Schreibe. Das Thema macht einmal mehr nachdenklich. Dein offener Umgang rührt mich an. Finde mich wieder, wenn auch nicht in diesem Ausmaß.

    S.

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