Neue Ufer, alte Ängste (2) – Erkenntnisse

Straße ins UnbekannteBevor ich realisierte dass ich mich immer mehr in eine Sackgasse manövrierte, zwischenmenschlich total verwahrloste und kurz vor dem Suizidversuch stand, strampelte ich einige Monate nach Kräften, um über Wasser zu bleiben. Zwischen Februar und November 2013 war mein Leben die reinste Hölle, auch falls das jetzt vielleicht theatralisch klingen mag. Mir ist durchaus bewusst dass ich auf hohem Niveau klage, wenn ich über meine „Wohlstandskrankheit“ erzähle, aber Schmerz bleibt nun mal Schmerz, und um den zu spüren muss man nicht im Kriegsgebiet leben oder unmittelbar von Hunger betroffen sein.

Es ist okay zu lamentieren, und es ist auch vollkommen legitim eine Zeit lang lediglich in seiner Misere zu verharren bzw. diese schlichtweg zu verdrängen. Niemand rutscht in eine Depression hinein und ist sofort Herr der Lage, mit einem Arsenal von adäquaten Hilfsmitteln an der Seite, um sie in den Griff zu kriegen. Worte wie „schnell“ verbieten sich in Zusammenhang mit dem Krankheitsbild sowieso vollkommen. Rasantes Tempo und gnadenloses Effektivitätsstreben sind schließlich tragende Faktoren um überhaupt erst ins Bodenlose zu fallen. Wenn diese Misswirtschaft auch noch in den Genesungsprozess einfließt, macht man den Oberdämon quasi zum Hausmeister seines neuen Feriendomizils, was reichlich kontraproduktiv wäre.

Nach einem Breakdown und vor dem Gesunden kommen erst mal die Akzeptanz und der Wille zur aktiven Veränderung der Umstände. Wie erwähnt, fällt bereits Ersteres vielen Menschen unglaublich schwer, weil die Gesellschaft trotz rasanter Fortschritte immer noch gern argwöhnisch auf psychisch Kranke blickt und im Einzelnen oft die „Simulanten“-Karte spielt. Als ich meinem Vater circa 2001 offenbarte, dass ich mich in Behandlung begeben werde, erwiderte er nüchtern: „Ich kann mit so einem Scheiß nichts anfangen.“ Es war eben kein Beinbruch oder irgendwas was man sehen, röntgen bzw. schienen konnte. Nebenbei sei gesagt, dass es noch etliche Jahre und radikale Schritte meinerseits bedurfte, um ihm das nötige Verständnis abzuringen. Er wusste damals schon ganz genau um seine wichtige Rolle in dieser Tragikomödie, weshalb er jene distanzierte Haltung einnahm.

Derartige Statements lösten bei mir große Unsicherheit bezüglich der Ernsthaftigkeit meines Zustandes aus. Lange grübelte ich darüber, ob ich nicht vielleicht doch nur ein gelangweilter Neurotiker bin, der sich selbst viel zu wichtig nimmt und jetzt mehr oder weniger öffentlich seine Wehwehchen pflegt. Bis heute schweifen meine Gedanken bspw. regelmäßig zum Kinderhospiz, das nur ein paar Straßen von hier entfernt liegt. Darin kämpfen jeden Tag mutige und tapfere kleine Menschen für ein paar Tage mehr Lebenszeit, nur um irgendwann trotzdem als Erinnerungssteine im Gartenteich zu enden. Klagen hört man die Todkranken selten, im Gegenteil, oft übernehmen sie sogar noch die Rolle des Trösters der eigenen Eltern. Darf man angesichts solch harter Schicksale direkt in der Nachbarschaft das eigene Leid beweinen und nach Verständnis für die Umstände fragen? Ja, man darf. Und man muss sogar. Allerdings nur wenn man längerfristig auch gewillt ist etwas dagegen zu tun.

Ich persönlich brauchte sehr lange um vom tatenlosen Jammern in die aktive Bewältigung überzugehen. Zwar begab ich mich recht frühzeitig in Verhaltenstherapie, allerdings fehlte es mir am Willen zur Mitarbeit, weil ich dachte dass das Absolvieren von einer Sitzung pro Woche genügt, um wieder auf die richtige Bahn zu kommen. Im Nachhinein betrachtet ist mir klar dass dies ein Tropfen auf den heißen Stein war, und niemals die Wunden hätte heilen können, welche ich mit mir herumtrug. Gerade in der Gruppentherapie begegneten mir extrem ergebnisorientierte Mitpatienten, die so gar nicht verstehen wollten warum nach sechsmonatiger Teilnahme noch keine größeren Meilensteine passiert wurden. Man muss sich vor Augen führen, dass die Krankheit oft bereits in Kindertagen ihre Wurzeln schlug, und durchschnittlich 30 Jahre Zeit hatte um zu gedeihen. Selbst die beste Therapie kann tiefgehende Schäden nicht über Nacht kurieren. Auch hier kommt man also mit Tempo nicht weiter, was ich im Übrigen sehr gut finde. „Schnell“ ist für mich Zeitgeist, und dem stand ich schon immer äußerst skeptisch gegenüber.

Ja, ich hätte gewisse Dinge vermeiden sollen um zügiger voranzuschreiten, aber andererseits hätte ich auch etliches deutlich schlechter machen können als ich es letztlich tat. Und das bringt uns auch schon zu einem weiteren wichtigen Verbündeten auf dem Weg zur Besserung, nämlich der Anerkennung für eigene Errungenschaften. Ich war zeitlebens ein eisenharter Selbstkritiker, was mir nie wirklich etwas einbrachte. Alles was ich tat, und sei es noch so gut, außergewöhnlich, schön oder kreativ, galt als selbstverständlich. Fremdlob erreichte mich nie, und alleine konnte ich mir schon gar nicht hin und wieder auf die Schulter klopfen, wenn ich etwas Nennenswertes vollbrachte. Nicht einmal ein großes Eis mit Schlagsahne war als Belohnung für das innere Kind drin. Das Dasein als impulsloser Perfektionist ist ein trauriges.

Von all den zu bewältigenden Hindernissen war dieses zweifelsohne eines der Größten, und der Schritt hin zur liebevollen Selbstannahme mit Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten der schwerste. In meiner Rechnung gibt es nie einen 100 Prozent Wert, weil dies wieder zurück zur gnadenlosen Durchoptimierung führen würde, aber trotzdem ist hier aus meinem Blickwinkel noch reichlich Luft nach oben. Ich bin sicher, dass an einem gesunden und rationellen Streben nach Progression nichts verwerfliches ist, solange man nur stets das bereits Erreichte im Kopf behält und als großen Schatz begreift, den sicherlich nicht jeder sein Eigen nennen kann.

Auch die Zweifel habe ich nie ganz aus meinem Persönlichkeitsrepertoire gestrichen, weil sie mich davor bewahren ein überheblicher Kotzbrocken zu werden, und wohldosiert durchaus hilfreich sein können. Nicht zuletzt um auch in Zukunft Kurskorrekturen anzugehen und Veränderungen in den eigenen Befindlichkeiten zu erkennen. Alles was einem behutsamen Wachsen und Sprießen zuträglich ist, wird von mir gerne konsultiert und in Betracht gezogen. Unabdingbar dafür, und somit ein fester Bestandteil des Konzepts, ist das Innehalten, Beobachten und Leben im Moment. Ich verbrachte den Großteil meines Daseins mit melancholischem Schwelgen in Erinnerungen oder ängstlichen Gedanken ans Morgen und seinen unbekannten Reifeprüfungen. Komplett außen vor ließ ich dabei das Hier und Jetzt, was zur Folge hatte dass mein Alltag einen völlig surrealen Anstrich bekam, und ich zum isolierten Beobachter der eigenen Existenz mutierte. Es war also höchste Zeit um all dem Entrückten etwas Unmittelbares, Nahes und Greifbares entgegenzustellen. Echte Erfahrungen aus erster Hand und ohne Zeitverzögerung mussten her!

3 Kommentare

  • Pingback: Außenschalte: Stefan Focke - Neue Ufer, alte Ängste, Teil 1 und 2 (Fortsetzungsreihe)

  • Ja, das Leben im Jetzt.
    Auch meine derzeitige Übung.
    ES tut so gut, dass du die Worte zu finden scheinst, für Gefühle, die ich nicht so greifen kann.
    Denn oft denke ich auch, dass ich nicht das Recht dazu habe, meine Situation zu beklagen. Augen zu und durch, oder so. Nach außen. Nach innen kann ich mich endlos lange melancholisch fühlen. Was aber wenigstens ein Gefühl ist. Und immernoch besser als garkein Gefühl. Was ja auch nicht selten ist, wenn man in so ner Krise steckt, stimmts?
    Aber du hast Recht. Der Schmerz ist der selbe. Durch welches Drama nun auch immer dieser ausgelöst wurde. Durch ein inneres Drama oder ein von außen herbeigeführtes.
    Und auch, dass man als Depressiver sehr darum kämpfen muss, überhaupt etwas ändern zu können und sich in Bewegung zu setzen, ist der Erwähnung Wert. Denn das ist ja genau die Krux dieser Krankheit – eben keinen Antrieb zu haben.

    S.

    • Hallo Sylvi,

      es freut mich, dass dir die Artikel gefallen. Ich war ehrlich gesagt lange am Überlegen, ob ich den Schritt in die Öffentlichkeit gehe, aber alleine für das bisherige tolle Feedback hat es sich schon gelohnt.

      Was die Gefühle und den fehlenden Antrieb betrifft, hast du vollkommen recht. Beides hängt ja voneinander ab, und ich muss diesbezüglich immer auf meine jeweilige Tagesform schauen. Ich wäre gerne flexibler, aber bin es eben noch nicht. Ein Schritt nach dem anderen. 🙂

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