Phettberg vs. Focke – Zwei Elende reden Tacheles (Teil 2)

Hermes Phettberg Im zweiten Teil des Chat-Interviews mit Hermes Phettberg sprachen wir über Österreich, Verona Pooth (damals noch Feldbusch), Ozzy Osbourne und vieles mehr. Natürlich nahm das Unikum bei seinen scharfzüngigen Aussagen auch diesmal kein Blatt vor den Mund. Nach über zwei Stunden des launigen Parlierens blieb sogar noch Zeit für einen kleinen Flirt mit meiner damals 25 Jahre alten Person. Phettbergs schlaue Worte sind mir längst zu liebgewonnenen Wegbegleitern geworden, die in den letzten zwölf Jahren nichts von ihrer Bedeutung verloren haben. Werfen wir also unsere Zeitmaschine an und beamen uns noch einmal zurück nach 2003.

Focke: Sie besitzen alle „Lindenstraße“-Folgen, stimmt das?

Phettberg: Ja. Eine fehlt mir. Irgendeine Jubiläumsnummer fehlt mir. Die war ca. vor zwei oder drei Jahren einmal.

Focke: Ich muss gestehen, dass ich etwas neidisch auf diese Sammlung bin.

Phettberg: OH. Danke… Sozialnot.

Focke: Würden sie es als Kunst bezeichnen, eine Sendung wie die „Lindenstraße“ 17 Jahre lang durchzuziehen?

Phettberg: Naja, das ist auch neurotisch und geschäftstüchtig und ein Minimum. Oh wie war doch 1985 oder 86, als die „Lindenstraße“ begann, die ARD eine ganz andere. Die ARD hat doch überhaupt nichts mehr. Jeden Tag am Abend diese Trottel-Interview-Sendungen um 23 Uhr auf ARD und ZDF, das ist schon ein gewaltiges Armutszeugnis. Sie haben überhaupt nichts! Das einzige Gültige, das derzeit im Sprachraum geschieht, ist die Harald Schmidt Show. Alles andere ist völlig bedeutungslos.

Focke: Arte eingeschlossen?

Phettberg: Ja, eigentlich ja. Ist ein Schmock-Sender. Für aufgeblasene Blasierte.

Focke: Was sagen sie zu diesem Satz: „Vieles was als Kunst verkauft wird, ist schlicht und ergreifend Schmarrn“?

Phettberg: Naja. Vorsicht. Ich habe schon den Eindruck dass die die da was machen, „künstlerisches“ sozusagen, ein inneres Müssen haben. Einen Krokus, den die Sonne herausjagt!

Focke: Man könnte „vieles“ auch durch „einiges“ ersetzen.

Phettberg: Die vergehende Zeit ist ohnehin gnadenlos. Da müssen wir nicht rigoros sein.

Focke: Was ist für sie Kunst? Kann man einen solchen Begriff überhaupt kategorisieren? Reicht Kunst von „belangloser“ Chartmusik bis hin zur kleinsten Laiendarbietung?

Phettberg: Das muss ja gar nicht definiert werden. Was existiert, existiert. Es darf nur niemanden verletzen. Zumindestens physisch. Seelisch vielleicht schon ein bisschen. Wenn ich drei Wochen nackt zur Folter aushänge, hat mir das große Lust bereitet. In der Nacht allein. Schritte. Was wird sein…

Focke: Wo finden solche Events von ihnen eigentlich gemeinhin statt? Wer gibt ihnen das Forum bzw. wer ist Konsument ihrer Sessions?

Phettberg: Nein, nein, nein. Da findet nichts mehr statt. Das Einzige ist das Hirnstromprotokoll – „Im ernsten Fluss feucht“ – siehe den Link „aktuelle Lebenszeichen“ auf www.phettberg.at. Oder jetzt Ende April 2003: Sechs Veranstaltungen an drei Tagen im Miller’s Studio in Zürich, wo es auch einen Festivalpass für alle sechs Veranstaltungen gibt. „Phettbergspiele – Die Beschmutzung der Schweiz – Teil II“. Teil I war im „Museum der Seele“ in Zürich im Jänner 1993. Manches Mal kommen zu meinen „Hirnstromprotokollen“, die jeden Dienstag im Wiener Stadnikow stattfinden, fünf BesucherInnen, wiewohl der Saal 130 Sitzplätze hat. Also alles sehr trist.

Focke: Würden sie die Menschen Österreichs als liberal bezeichnen? Unabhängig von der Regierung.

Phettberg: Nein. Deutlich nein. Entschiedenst nein. Sie sind schlicht und ergreifend reaktionär. Tendenz schlimmer werdend. Weil tägliches Fernsehen sie belämmert. Und vor allem sind sie feig. Als 1939 die Nazis Österreich übernahmen, war kein Teil des „Deutschen Reiches“ so bestialisch zu den Juden z.B. als wir ÖsterreicherInnen.

Focke: Welchen Einfluss hat die Regierung ihrer Meinung nach?

Phettberg: Die Österreichische Regierung ist schwächlich, hat eigentlich keine einzige nennenswerte Persönlichkeit. Feigheit ist die allgemeine Parole. Duckmäusertum.

Focke: Sie schreiben, „sie sind leicht zu vernichten“? Meinen sie damit die Angst vor seelischer Verletzung?

Phettberg: Weil ich schwach, sozial inkompetent und geradezu schreiend suchtkrank nach Hörigwerden bin.

Focke: Also eine Angst vor der Ausbeutung ihrer Neigungen?

Phettberg: Natürlich bin ich psychisch krank. Suchtkrank. Neurotisch. Manisch depressiv. Ich existiere gleichsam nur in der Gegenwart beseelter geistig heller Menschen. Bin ich allein, stürze ich in mich zusammen wie ein leerer Sack… Ich bin seit sieben Jahren arbeitslos. Und ich spüre die Ozzy Osbourne Geier um mich herumfliegen. Und ich bin allein.

Focke: Sehen sie keinen Weg, um da Abhilfe zu schaffen?

Phettberg: Siehe unsere Erörterung von Michael Jacksons Einsamkeit. Ich sehe keinen Weg, Abhilfe mir zu verschaffen. Ich werde aber kämpfen. Jede Minute. Das belebt mich schon sehr, hier Fallen einzubauen, wenn die Osbourne Geier kommen. Aber ich werde natürlich auch fallen.

Focke: Wer sind die Osbourne Geier?

Phettberg: Also es gibt derzeit einen weltweiten Fernsehhit, der die ganze Zeit die Familie des Popstars Ozzy Osbourne filmt, und an viele Fernsehstationen verkauft. So z.B. auch an ORF 1 oder an RTL II glaube ich auch.

Focke: Ah, ich verstehe. Ich kenne die Sendung, sie hat mir meinen „Jugendhelden“ gestohlen.

Phettberg: Na sehen sie. Obwohl bei genauer Betrachtung eine edle Persönlichkeit zu erkennen ist, wie sie verzweifelt kämpft und zu retten sucht, was zu retten ist. Aber die Geier sind viele… Sogar Sie gehören also schon zu ihnen, sie haben sich abgewendet von ihm?

Focke: Ich habe mich schnell von der Doku-Soap abgewendet. Ich werde mich aber wohl nie von seiner Musik abwenden, dazu bedeutet sie mir zu viel.

Phettberg: Die große Frage aber ist, wie konnte es zu der Sendung kommen, ist sie vielleicht wertvoller als so vieles andere…

Focke: Dazu kam es durch seine Frau Sharon, die ihren lieben Gatten sehr tüchtig vermarktet.

Phettberg: Aha… Das Schöne bei mir ist wenigstens, dass mich niemand vermarktet, sondern wenn, dann werde ich „genommen“. Das dann wenigstens… Aber du hast als „Star“ kein Subjekt mehr. Das erkennst du aber erst, wenn du „Star“ bist. Denn alle – bishin kurz davor – glauben, sie werden es bezwingen. Dem ist aber nicht so.

Focke: Wurden sie auch bei ihrem Auftritt in „Peep!“ genommen?

Phettberg: Nein. Das würde ich durchgehen lassen. Hatte dann aber ein interessantes Erlebnis. Ich habe nicht viel Geld dafür bekommen. Bin da ganz kraftlos beim Geldfordern. Und als wir – wie bei „Ginger und Fred“ – mit dem Bus ins Hotel gebracht wurden (in Hamburg) vom Studio – erwähnte ich absichtslos den Betrag, den ich kriege. Ich habe vergessen, wie viel oder wenig es war. Und plötzlich herrschte sehr betretenes Schweigen im Bus. Und das deute ich nicht als Neid, weil meine Gage so viel höher gewesen wäre.

Focke: Hat Verona Feldbusch sie verstanden? Ihre Beweggründe?

Phettberg: Die hatte an dem Tag mehrere Aufzeichnungen ihrer Shows. Und das wäre eine völlig falsche Fragestellung. Das ist ja nun wirklich nicht ihre Aufgabe gewesen. Ich glaube aber, ausreichend gute Figur gemacht zu haben. Und wenn dieser Satz jetzt ein Irrtum war, dann bin ich ohnehin nimmer zu retten…

Focke: Ich würde gerne ein paar Worte aufzählen, und von ihnen Statements dazu erfahren. Was bedeuten Hass, Wut und Angst für sie?

Phettberg: Hass würde ich sagen, kenne ich gar nicht. Zorn und Angst sind die Kehrseiten der selben Medaille. Wovon werde ich leben? Ich habe schließlich zwischen meinem 40. und 50. Lebensjahr nicht einen Schilling für eine Altervorsorge beiseite zu legen vermocht. Bin allein ausgeliefert der TV-Branche. Und habe nicht, oder noch nicht, das Gefühl, dass da wer für mich sorgen wird. Denn ich bin ohne Trägersubstanz nicht existent.

Focke: Zwar ist mein Spickzettel schon längst abgehakt, aber trotzdem brennen mir noch ein paar Fragen auf dem Gewissen.

Phettberg: Also bitte. Machen wir noch zehn Minuten.

Focke: Was verbinden sie mit dem Begriff „Rock ’n‘ Roll“? Mit Musik generell?

Phettberg: Brachten uns nicht zuletzt die versauten Blue Jeans. Verschwitzt nach dem Tanzen. Die gespreizten Beine der Musiker, die ja Showbranche heißt, und interessanterweise nicht Akustikbranche! Und der Schweiß rann ihnen aus der Arschkerbe, und durchwirkte das Gewebe des Denims. Gerbte es gleichsam. Ich würde sagen, die Blue Jeans sind die Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts.

Focke: Ws halten sie von so unterschiedlichen österreichischen Bands und Künstlern wie Pungent Stench, Ostbahn-Kurti oder Wolfgang Ambros? Während Ambros mittlerweile eher die Mainstream-Klientel bedient, decken Pungent Stench den Untergrund ab. Pendeln sie zwischen den Welten?

Phettberg: Also ich höre ja keine Minute im Jahr Musik. Bin völlig hysterisch und panisch, keine Existenzgrundlage zu haben. Habe 2002 z.B. 3.000,– Euro verdient. IN Worten: dreitausend. Den Rest mir „ausgeborgt“ und „zugewendet“, erhalten von Mitleid habenden Leuten. Pungent Stench hab ich noch nie gehört. Also das Wort. Kann es nicht einmal übersetzen, was es heißt. *schäm*. The Flames war das Neueste, was ich registrierte. War sexy. Musik steht mir ganz fern…

Focke: Pungent Stench bedeutet „beißender Gestank“. Eine Metalband mit starkem Hang zum Sadomasochismus.

Phettberg: Haben hoffentlich auch versaute Blue Jeans an. Und nackte Oberkörper, die schwitzen. Lassen mich aber sicher nicht ihren Schweiß aus der Arschkerbe lecken. Ja ja, da habe ich langjährige Erfahrungen. Wie gesagt, es ist leichter, 500 Euro zu erbetteln, als ein Mal angespuckt werden von einem Begehrten.

Focke: Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich denke, dass sie mit den Musikern durchaus Gesprächsstoff hätten.

Phettberg: Habe ihren Namen noch nie gehört. Habe natürlich auch keine Kraft, in ihre Richtung initiativ zu werden. Aber: Lefz.

Focke: Die vorhin schon erwähnten Intellektuellen sehen sich ja gerne als Elite. Was halten sie von dieser selbsternannten Oberschicht?

Phettberg: Insofern bin ich ein Superintellektueller, der da drüber steht… Oder sagen wir so: Auf dem Gebiet bin ich gesund. Also auf dem Gebiet des Intellektuellseins… Noch eine letzte Frage an Sie: Wenn Sie 25 sind, interessiert mich natürlich brennend, was Sie exakt derzeit am Leib tragen. Und bitte jeweils mit einem Eigenschaftswort davor.

Focke: Ein warmes Sweatshirt und abgetragene Jeans, allerdings nicht knalleng!

Phettberg: Lefz… Versaut ist das Kriterium „nicht unbedingt knalleng“. Seien Sie sich Ihrer Kapitalität bewusst. Wenn einmal wer betteln kommt um Brosamen. Natürlich geht es nicht an. Wenn Sie den kleinen Finger geben, darf nicht nachher die ganze Hand gefordert werden. Das muss klar gesellt sein zu jeder Sekunde. Bitte senden Sie mir ein Chatprotokoll, ich sammle sowas wie die „Lindenstraße“. Dauern wäre so sehr mein Traum. Und gültig sein.

Focke: Ich werde es im Kopf behalten. Ich danke ihnen herzlich für das offene Interview. Es hat mich bereichert.

Phettberg: Mir hat es auch wesentlich mehr gegeben, als trostloses Knotzen vor dem schwachsinnigen Fernsehgerät. Denn Musikhören geht nicht. Ich kann nichts mehr genießen, aus panischer Angst, 50 zu sein, und keine Existenzgrundlage zu haben. Alles, alles Liebe! Ihr Hermes Phettberg. Es ist jetzt 22:04 Uhr am Montag, den 24.02.2003.

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