Neue Ufer, alte Ängste (3) – Abstieg

Straße ins UnbekannteBevor ich davon erzähle, wie ich die in Teil 2 erwähnten „echten Erfahrungen“ machen konnte, und was ich mit meiner neu gewonnen Lebensqualität so alles anstellte, möchte ich ins Jahr 2013 zurückblenden. Es war Mitte Februar, als sich mein Zustand langsam aber sicher zu verschlechtern begann, wovon die Öffentlichkeit natürlich nichts mitbekam. Vielmehr konnte ich schon nach ein paar Wochen im neuen Job erste kleine Erfolge erzielen, und bei den Kollegen mit meinen Kompetenzen punkten. Ich war damals hochmotiviert, und wollte allen zeigen, dass ich fit, produktiv sowie sozial vollkommen gesund bin. Mein Umfeld kaufte mir den Working Class Hero tatsächlich ab, und die immer stärker werdenden Selbstzweifel übertünchte ich durch das Vertiefen in die Tätigkeit.

Es dauerte keine zwei Monate, bis die Fassade zu bröckeln begann, und ich von immer heftigeren Kontrollzwängen, Angststörungen bzw. depressiven Schüben auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Innerhalb der acht täglichen Arbeitsstunden verbrauchte ich alle Energie um einen soliden Job abzuliefern, den Leuten das Märchen vom stets gutgelaunten Stefan vorzuspielen, und mit den etlichen Symptomen der Krankheit fertigzuwerden. Körperlich besonders zu schaffen machte mir meine Haut, welche regelrecht aufschrie, und sich gegen die katastrophalen Zustände zur Wehr setzte.

Am offensichtlichsten waren wohl einige Pickel, die mir damals arg zusetzten, und mich mehrmals an den Toilettenspiegel rennen ließen, um zu sehen ob sich irgendwas verschlimmerte. Dieser Zwang verhärtete sich dermaßen, dass ich vor und nach der Arbeit weinend im Gesicht herumdrückte, und mich in meiner Freizeit ausschließlich zu Hause versteckte. Wie extrem sich die Lage bereits zugespitzt hatte, bemerkte ich erst, als es für mich schon vollkommen selbstverständlich erschien, mir mit Nadeln oder Scheren stark blutende Wunden zuzufügen. Jene zeichneten mich oft für längere Zeit, und verstärkten den Drang zum Rückzug.

Bei jedem Blick in den Spiegel begann ich mich mehr zu hassen, und die Todessehnsucht wuchs proportional dazu mit. Mein Alltag war ein kräftezehrender Kampf geworden, der mich vollkommen auslaugte und von allen lebendigen Impulsen isolierte. Ich existierte nur noch, um mich täglich zu misshandeln, und im Büro die immer gleiche Lüge vom lebenslustigen Produktivmenschen zu verkaufen. Die Wahrheit jedoch, blieb hinter einer Maske auf dem schmerzverzerrten Gesicht verborgen. Eine kurze Auszeit konnte ich mir lediglich verschaffen, indem ich Abends zur Flasche griff und mich betrank. Anfangs hauptsächlich Bier, doch es folgten schnell Wein, Likör und dann auch Schnaps, was die Lage insgesamt noch verschlimmerte. Die letzte Steigerung in dieser Abwärtsspirale war erreicht, als ich begann mich mit Messern bzw. später Rasierklingen im Bauch- und Brustbereich zu traktieren. Diverse Narben erinnern mich noch heute daran, und geben meiner „Scarred For Life“ Tätowierung eine ganze neue Bedeutung.

Während andere Menschen im Sommer 2013 die Eisdielen bevölkerten, oder im Schwimmbad ihre Runden drehten, recherchierte ich am Laptop nach möglichst effektiven Suizidmethoden. Es ging dabei nicht darum, den „besten“ Ausweg für mich zu finden, sondern das Ganze so schmerzfrei wie möglich für andere zu machen. Wer wird mich finden, und ich welchem Zustand? Schreibe ich ein paar tröstende Zeilen an die Familie? Wie kann ich es verhindern, dass meine geliebten Katzen zurück ins Tierheim gehen? All diese Fragen schwirrten durch meinen Kopf, was verdeutlicht, dass ich es nicht mal bei der Planung des Ablebens für sinnvoll hielt, in erster Linie an mich zu denken.

Die Verzweiflung stieg täglich, und eine schnelle Entscheidung war nötig, um keinen Fehler zu begehen. Meine größte Sorge bestand darin, den Suizidversuch möglicherweise schwerbehindert zu überleben, woraufhin sich andere um mich kümmern müssten, was ich unbedingt vermeiden wollte. Irgendwann steckte ich so sehr in dieser lebensfeindlichen Gedankenspirale, dass ich auf dem Heimweg mehrfach beinahe in den nächstbesten Laster geradelt wäre. Im Laufe eines weiteren anstrengenden Arbeitstages voller Projekte und Anforderungen verweigerte mein Körper dann mitten im Meeting seinen Dienst. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, sah nur noch weiße Flächen und war praktisch taub. Totale Kapitulation und Shutdown.

Es muss etwa 19.30 Uhr gewesen sein, als ich wieder zu mir kam, und mich neben meiner Katze auf der Wohnzimmercouch sitzend vorfand. Was war geschehen? Ich hatte keine Ahnung. In mir befand sich totale Leere, bis auf einen pochenden Gedanken im Kopf: „Ich will hier raus!“ Instinktiv griff ich zum Handy und rief meine ehemalige Freundin Judith an, die mir Jahre zuvor im Streit folgenden aufrüttelnden Satz sagte: „Entweder du kommst wieder zurück ins Leben, oder ich besorge dir Insulin, damit du dich wegspritzen kannst.“ Nachdem ich am Telefon mit zitternder Stimme bat, mir die tödliche Dosis zu besorgen, tat sie genau das Richtige und erwiderte: „Ich fahre jetzt sofort zu dir, du packst ein paar Sachen, und dann schaffe ich dich in die Klinik. Du bist lange genug auf Raten gestorben, jetzt reicht es endgültig.“

Judith war zurecht stinksauer, dass ich mir so lange nicht habe helfen lassen, und sie nun auch noch in diese Sache mit hineinziehe. Mir dämmerte trotz allem Leid ziemlich schnell, auf welch egoistischem Weg ich mich gerade befand. Ich konnte damals noch nicht verstehen, dass meine Freunde mich sehr schätzen. Wie unfair es allerdings ist, sie zum aktiven Sterbehelfer zu degradieren, machte mir Judiths Wut eindrucksvoll klar. Ich bin an diesem traurigen Montag nicht mit ihr in die Klinik gefahren, aber ich habe versprochen, ab sofort jede nötige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich wollte meine beiden Ärzte kontaktieren, die Tabletten wieder ansetzen, und auch sonst alles tun um endlich zurück in die Spur zu kommen.

Alleine die Akzeptanz, dass der absolute Tiefpunkt nun erreicht war, und es von hieran nur noch aufwärts gehen konnte, ließen am selben Abend einen ersten kleinen Funken Hoffnung aufkeimen. Aus dem bloßen Überleben sollte endlich ein wertvolles Dasein mit Licht, Liebe und Wärme werden. Der Weg vor mir erschien respekteinflößend, unbekannt und mühevoll, doch ich würde ihn endlich beschreiten.

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