Neue Ufer, alte Ängste (4) – Tapetenwechsel

Straße ins UnbekannteZwei Tage nach dem verzweifelten Anruf bei Judith, saß ich bereits im Wartezimmer meiner Ärztin, um die aktuellen Ereignisse zu beichten. Sie erkannte den Ernst der Lage sofort, verschrieb mir wieder Tabletten, und zog mich per Krankschreibung aus dem Verkehr. Generell stehe ich der medikamentösen Behandlung von psychischen Leiden kritisch gegenüber, und habe mich lange davor gesträubt, Antidepressiva zu nehmen. Schließlich bedarf es nur einer kleinen Recherche, um auf negative Artikel über die Pharmaindustrie zu stoßen, welche deren merkwürdiges Gebaren erkennen lassen.

Wenn mich heutzutage jemand nach meiner Meinung zum Thema fragt, dann kann ich keine klare Antwort geben. Ich habe versucht, den Alltag ohne Fluoxetin zu bestreiten, bin damit aber leider nie wirklich weit gekommen. Tatsächlich verlor ich durch den Verzicht einiges an bereits gewonnenem Boden, und wurde in meiner Entwicklung diverse Male zurückgeworfen. Die stete niedrige Dosierung scheint für mich deutlich besser, als wiederholtes An- und Absetzen des Produkts. Fluoxetin wird wohl ein Begleiter auf Lebenszeit sein, womit ich mich mittlerweile arrangiere. Natürlich gelten hier für jeden Menschen individuell andere Maßstäbe.

Im Arztgespräch wurde schnell klar, dass ich weitere Schritte mit meinem behandelnden Therapeuten planen müsste, da er mich besser kennt. Die Teilnahme an wöchentlichen Gruppensitzungen von 2011 bis 2013 sollten ihm tatsächlich ein gutes Bild der Lage vermittelt haben. Wenn einer wusste was mir helfen könnte, dann mit Sicherheit er. Bis es jedoch zum Termin kam, hieß es erst mal warten. Und hier sind wir bei einem Faktor, der für Patienten in akuten Nöten kaum ertragbar ist, nämlich die unendliche Zeit bis etwas Signifikantes geschieht. In meinem Fall verstrichen über vier Monate, zwischen Hoffen, Bangen, Hadern und totalem Rückzug. Tagsüber versteckte ich mich hauptsächlich in der Wohnung, mit meinen Katzen als einzige Gesellschaft, und abends erledigte ich die nötigen Einkäufe, nur um mich danach zu betrinken. Zwar wurde schon im ersten Gespräch mit dem Therapeuten klar, dass ein Klinikaufenthalt unumgänglich ist, allerdings bedeutete das noch lange nicht, dass meine Krankenkasse diesen auch bewilligen würde. Noch mehr Unsicherheit also, die ich in meinem Zustand schwer aushalten konnte.

Grünes Licht für die sechswöchige Reha gab es Anfang Februar, und Ziel sollte das hessische Ödland sein. Als ich am 13.03.2014 in den Zug Richtung Klinik einstieg, fühlte ich mich so klein wie nie vorher. „Die Stärke des Tigers offenbart sich erst, wenn man ihn aus dem Dschungel holt“, postete ich damals bei Facebook, um mir selbst etwas Mut zu machen. Im engeren Umfeld mag ich jemand sein, vielleicht sogar ein ziemlich bedeutender Jemand. In Hessen wurde daraus allerdings lediglich Mitpatient Nummer 598, mit reichlich unorthodoxem Erscheinungsbild. Mein hohes Ross, auf dem ich vielleicht saß, hatte mich mit aller Kraft abgeworfen. Ich war am Ende und brauchte Hilfe, wie beinahe jeder hier.

Das Durchschnittsalter in jenem Hort der Genesung mag bei ungefähr 45 gelegen haben. Mehr als schlechte Aussichten also, um den vielzitierten Kurschatten an Land zu ziehen. Etwas anders sahen das wohl die zahlreichen älteren Damen, welche sich nur zu gerne in meiner Nähe aufhielten. „Oh schön, Frischfleisch!“, raunte mir eine besonders mutige Lady gleich am Tag der Ankunft zu, was mich ein wenig verblüffte. Neben intensiven Dialogen und allerhand kräftezehrender Aufarbeitung, gab es also nicht selten auch ein bisschen Heiterkeit. Kurz danach ließ mich der Blick auf den „Stundenplan“, wo sämtliche Anwendungen verzeichnet waren, jedoch erst einmal erschaudern. Auf Gruppensitzungen bzw. Einzelgespräche war ich gefasst, aber Klangschalentherapie, Nordic Walking und Wassergymnastik muteten mir im ersten Moment doch sehr fremd an. Zum eigenen Wohle schien es dennoch besser, sich auf die Angebote einzulassen, was ich auch mit zunehmender Freude umsetzte. Natürlich gaben mir nicht alle Unternehmungen etwas, aber die Mixtur aus gemeinschaftlicher Aktivität, Erfahrungsaustausch mit Betroffenen und der idyllischen Natur, tat spürbar gut.

Rückblickend betrachtet, bestand mein größtes Geschenk jedoch darin, dem festgefahrenen Alltag für einen längeren Zeitraum zu entfliehen. Erst in Hessen wurde mir klar, dass ich jahrelang nicht aus Berlin herauskam, und die Fußstapfen auf meinen immer gleichen Wegen bereits in den Asphalt eingedrückt sein mussten. Das aktive Erleben einer neuen täglichen Realität hat es mir letztlich erst ermöglicht, nach der Heimkehr den befürchteten schnellen Rückfall zu vermeiden. Ich kann mit Stolz behaupten, dass ich seitdem nie mehr so tief gesunken bin, wie im November 2013. Manchmal ist es knapp, und ich muss immer noch täglich auf mich Acht geben, strauchle hier und da, bzw. mache Schritte zurück, aber unterm Strich ging ich deutlich gestärkt aus dieser Erfahrung heraus.

Als mich die Großstadt im April 2014 wieder hatte, wollte ich am liebsten vier Stufen auf einmal nehmen, und alles zurückerobern was so lange aus dem Fokus verschwand. Ich traf mich mit tollen Frauen, entdeckte mein Habitat gänzlich neu, und war generell äußerst aufgeschlossen. Die ersten Wochen zuhause fühlten sich wie ein Rausch an, den ich vollends auskostete. Zumindest so lange, bis mir das natürliche Abflauen des Hochs einen handfesten Schrecken versetzte. Jetzt galt es, das Erlernte anzuwenden, innezuhalten und mit stark gedrosseltem Tempo einen neuen, tragfähigen Lebensalltag aufzubauen. „Make it or break it“, war nun die Devise…

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