Berlin – Irgendwas zwischen Liebe und Hass

Berlin SkylineManchmal frage ich mich, ob es nicht doch besser gewesen wäre, niemals auch nur einen Fuß in die Großstadt zu setzen. Seit zwei bis drei Jahren zieht dieser Gedanke immer häufiger durch meinen Kopf. Aber was für ein Mensch wäre ich heute, hätte ich 2004 die fränkische Kleinstadt nicht hinter mir gelassen? Ich könnte jetzt natürlich das Klischee vom Reihenhaus, dem Hund, der Ehefrau und den zweieinhalb Kindern strapazieren, würde der Sache damit aber wohl kaum gerecht werden. Schon alleine deshalb nicht, weil an einem derartigen Lebensmodell rein gar nichts verwerflich oder gar spießig ist, solange es dem freien Willen entspringt, und mehr Freude als Verdruss bereitet.

Wenn ich ehrlich bin, kenne ich abgesehen von ein bis zwei Ausnahmen sowieso niemanden, der mit dieser traditionellen Kombination aufwarten kann. Weder in Berlin noch in Kulmbach. Klar, Kinder haben einige meiner Freunde schon, aber bereits beim Reihenhaus wird es eng. Ist ja auch nicht ganz billig so was. Und reichlich unflexibel darüber hinaus. Doch zurück zur eingangs gestellten Frage, und dem Einfluss des Umzugs auf meine persönliche Entwicklung. Eines scheint recht sicher: Die von mir vollzogene, extrem bereichernde Liberalisierung von kultureller und elterlicher Prägung ist in diesem Maße nur in Berlin möglich gewesen. Zudem hätte sich die einstige Engstirnigkeit nie als kompletter Schwachsinn enttarnt, und auch der relaxte Umgang mit meiner Männlichkeit würde bis heute in den Kinderschuhen stecken.

Berlin steht einfach drauf, wenn ein Kerl mit Napalm Death Shirt in der U2 sitzt und eifrig an knallbunten Topflappen strickt. Kulmbach dagegen kann das weder gutheißen noch verstehen, und Mangels einer U-Bahn ist der Rahmen für ausgiebiges „Public Handwerking“ gar nicht erst gegeben. Meine innige Hassliebe zum mittlerweile arg warmgefurzten Pankow wäre ohne die Flucht nach vorne nonexistent, und Schawarma könnte man mir immer noch als Dorf in Lampukistan verkaufen. Ich hätte viele unglaublich interessante Menschen nie kennengelernt, wäre in 37 Lebensjahren mit maximal drei Frauen liiert gewesen, könnte aber dank übermäßigem Genuss von fränkischem Bier immerhin auf eine stattliche Plauze herabblicken. Naja, es geht erst mal auch ohne.

Bevor dieser Artikel jetzt doch zum gnadenlosen Abfeierwerkzeug für unsere durchaus nicht ungeile Bundeshauptstadt wird, muss ich noch erwähnen, dass ich hier hin und wieder einfach nur weg möchte. Die City brüllt dir 24/7 irgendwelchen neuen geilen Scheiß in die Ohren, der schon beim zweiten Blick nur noch alter Scheiß mit lieblos draufgeklatscher Panade ist. Geil war der übrigens bereits damals nicht. Hipster hier, Künstler da, Touris dort und alle wollen dabei sein, schieben, drücken, feiern, vögeln, trinken. Ab März ist jede der so oft zitierten Grünflächen gnadenlos überrannt, und selbst hier im Norden findet sich kaum noch ein öffentliches Plätzchen, an dem man mal fünf Minuten lang zur Ruhe kommen kann. Die Rache der Erholungssüchtigen verschont niemanden. Nicht mal in Weißensee, the new place to be! Sort of.

All diese rationellen für-und-wider-Argumente könnten mir jetzt Antworten auf die Frage „Gehen oder bleiben?“ geben, wenn sie nicht einem viel wichtigeren Faktor unterlegen wären: Dem Gefühl. Da ist zum Beispiel die Beklemmung, welche ich spüre wenn ich durch die Straßen von Kulmbach laufe, was sowieso nur alle zwei bis drei Jahre vorkommt. Oder die Entfremdung kombiniert mit lähmender Agonie, beim Anblick der drei Kneipen und ihren vier Stammgästen, die schon seit zwanzig Jahren am Tresen festgewachsen sind. Der Kloß im Hals, wenn alte Freunde zum dreihundertsten Mal die Vergangenheit hochleben lassen, weil sie ihre Zukunft bereits damals mit einem lauten Knall zum Teufel schickten.

Dem entgegen steht das Gefühl der Freiheit, das sich nach einer Woche Heimaturlaub schon bemerkbar macht, sobald ich am Gesundbrunnen einrolle und jenes bunte Gewirr aus Menschen, Tieren, Sensationen wahrnehme. Spätestens wenn mir dann die gar nicht mal mehr so junge Dame am S- und U-Bahnhof Pankow meine heißgeliebte puddinggefüllte Streuselschnecke aushändigt, und dazu ein pseudo-freundliches „Juten Hunger, wa!“ säuselt, weiß ich: Hier bin ich doch irgendwie zuhause. Vorerst zumindest.

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