Neue Ufer, alte Ängste (5) – Kollateralschäden

Straße ins UnbekannteDie Auszeit in Hessen war sinnvoll, um wieder etwas auf die Beine zu kommen, allerdings lag sie aber Meilenweit vom Alltag entfernt. In der Klinik befand ich mich im geschützten Raum, einer Seifenblase aus Sicherheit, die in Berlin unmöglich reproduziert werden konnte. Um den neu gewonnen Boden also nicht wieder zu verlieren, musste nach der Rückkehr an die Spree zusätzliche Unterstützung her. Ich wollte mein mehr oder weniger normales Leben mit all seinen Widrigkeiten bestreiten, und in der Verfassung war ich noch lange nicht. Kurzerhand entschied ich mich deshalb für den Aufenthalt in einer Tagesklinik, die sich unweit meiner Wohnung befand.

Der Einstieg am 16.06.14 fiel mir zwar durch die bisher gesammelten Erfahrungen deutlich leichter, hatte jedoch auch seine Tücken. Sich vor vollkommen fremden Menschen öffnen bzw. Teil einer unbekannten Gruppe werden, ist immer wieder aufs Neue anstrengend. Mittlerweile bin ich aber selbst darin ein Profi, und trage sowohl Ärzten als auch interessierten Mitmenschen mein Krankheitsbild routiniert in wenigen Minuten vor. Ich habe so lange Selbstanalyse betrieben, dass ich mich teilweise schon wie eine andere Person betrachte, und bei aller Tragik extrem nüchtern wirken muss. Generell ist interessant, wie wenig Probleme ich im Austausch mit psychisch Vorbelasteten habe, und wie hart es mir stattdessen fällt, den als normal geltenden Teil der Bevölkerung zu verstehen.

In unserer moralisch bankrotten Zivilisation herrscht ein derart raues Klima, dass es mir oft kaum möglich ist, überhaupt noch daran teilzunehmen. Empathie, Höflichkeit und Toleranz sind nur wenigen gegeben, während der große Rest mobbt, drückt, brüllt oder wild um sich beißt. Diese „Hund frisst Hund“ Attitüde fordert täglich mehr Opfer, die dem Druck einfach nicht standhalten. Wer sich nicht anpasst, wird aus dem Weg geworfen, und kann zusehen wie er damit klarkommt. Es ist sicherlich utopisch, zu hoffen, dass sich an diesem Zustand langfristig etwas ändert, deshalb bleibt mir persönlich nur die Abkehr aus der Mitte.

Ich bin Teil des sehr kleinen Kollektivs von „Unreparierten“, die sich dem Zeitgeist so gut es geht verweigern, und dafür nicht selten einen hohen Preis zahlen. Es sind die Leisen, Bunten, Traurigen, Gebrochenen und Sanften, denen mein Herz gehört. Und eben diese Menschen finde ich beinahe immer in irgendwelchen Kliniken oder Arztpraxen, und so gut wie nie draußen im echten Leben. Es ist eine Schande, dass respektvolles Miteinander heutzutage fast ausschließlich im geschützten Rahmen unter Aufsicht von Fachpersonal praktiziert werden kann. Manchmal bin ich beinahe froh, die „Einzelgänger“-Gene des Vaters geerbt zu haben. Wenn es hart auf hart kommt, ziehe ich die Gesellschaft meiner Katzen vor, anstatt mich unter das Volk zu mischen.

Doch zurück zur Tagesklinik, wo ich sehr herzlich aufgenommen wurde, und durchweg großartige Personen traf. Das Programm dort ähnelte zwar dem der Reha, allerdings bestand der große Unterschied darin, dass ich wieder im gewohnten Umfeld bzw. im Alltag war. Ich musste meinen Haushalt schmeißen, die Tiere versorgen und alles Notwendige erledigen. Die Klinik gab mir am Anfang zusätzliche Sicherheit, was eine schrittweise Gewöhnung an das neue Leben stark vereinfachte.

Nach sechs Wochen Therapie stand fest, dass mein nächster Schritt die Wiederaufnahme des alten Jobs sein sollte. Ich schien fit genug, um mich an den Schreibtisch zu begeben, und einer geregelten Arbeit nachzugehen. Rückblickend betrachtet war ich wohl doch nicht ganz soweit, und hätte mehr Zeit in die Genesung stecken sollen. Bis zu dieser Erkenntnis zogen aber noch sieben bis acht Monate ins Land, die ich im Kreise meiner Kollegen verbrachte. Einige von ihnen hatten sicherlich nicht mehr damit gerechnet, mich irgendwann wieder im Büro sitzen zu sehen, doch im August 2014 war es tatsächlich soweit.

Die Genugtuung beim Comeback fühlte sich großartig an, und überzeugte mich davon, dass jetzt endlich alles gut werden würde. Nach acht Wochen in Teilzeit, im Rahmen des sogenannten „Hamburger Modells“, stand ich ab Oktober volle 40 Stunden auf der Matte, um Dienst zu tun. Jede anfängliche Skepsis der Kollegen, bezüglich meiner nachhaltigen Rehabilitation, zerstreute sich dann auch recht schnell. Schließlich war ich augenscheinlich guter Dinge, und ging zudem vollkommen offen mit meiner unmittelbaren Vergangenheit um. „Allet schick, allet schön“, wie der Berliner so treffend sagt.

Nun, dem war nicht so. Zumindest nicht für länger, und schon gar nicht nachhaltig. Spätestens im Februar 2015 hatte mich die lähmend-monotone Routine wieder, und mein Zustand verschlechterte sich Schritt für Schritt. Alte Bekannte wie die Angst, Zwangsstörungen und jene dumpfe Melancholie kamen erneut zu Besuch, um sich häuslich einzurichten. Es ging bergab, doch diesmal erkannte ich es zumindest rechtzeitig. Glücklicherweise konnte ich mir im Laufe der letzten zwei Jahre ein unglaublich gutes Bauchgefühl kultivieren, das mir bisher immer den richtigen Weg offenbarte. Der letzte Ansporn um meinen Job zu kündigen (siehe Teil 1), und das zu tun was ich liebe, kam aber von außen. Genauer gesagt von einer gewissen Elle Luna, und ihrem wunderbaren Artikel „The Crossroads Of Should And Must“.

Nachdem ich jenes Essay zweimal aufmerksam studierte, gab es für mich kein zurück mehr. Das was mir am Herzen lag, und worin ich gut war, sollte jetzt endlich in den Fokus rücken. Ich wollte schreiben, malen, fotografieren und meiner Liebe zu Musik und Film in unterhaltsam-informativer Weise Gehör verschaffen. Ob ich damit jemals auch nur einen Cent verdienen würde, wusste ich nicht, aber einen Versuch schien es Wert zu sein. Als ich am 25.03.15 um circa 17.34 Uhr den PC im Büro ausschaltete, stand fest, dass die letzten Tage für mich dort anbrachen. Ich war bereit für den Sprung ins kalte Wasser. Raus aus der scheinbaren Sicherheit eines soliden Jobs, und rein in die ungewisse Zukunft als eigener Boss!

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.