Die Entfremdung des Borderliners

Steg im WinterAuch wenn bei mir die Diagnose „Borderline“ nie offiziell gestellt wurde, so erfülle ich wohl schon seit Ewigkeiten genügend Voraussetzungen, um als Paradebeispiel für jene Persönlichkeitsstörung durchzugehen. Mein Leben ist in all seinen Facetten von extremen Gegensätzen geprägt. Ich brenne mit lodernder Flamme für etwas, nur um es wenig später keines Blickes mehr zu würdigen. Ob das Menschen oder Dinge sind, macht dabei leider keinen Unterschied. Eine innige, heißblütige, tiefe Bindung kann ich in zwei bis vier Wochen aufbauen, und in höchstens fünf Minuten abrupt wieder beenden. Aus dem sanften, scheinbar warmherzigen Freund, wird dann plötzlich ein gleichgültiger, abweisender Fremder, der jeglichen Kontakt verweigert.

Wer mir zu Nahe kommt, und hinter die schützende Fassade aus Rhetorik und Erscheinungsbild blicken darf, spielt auf Zeit. Dies gilt interessanterweise selten für Menschen, mit denen ich platonische Freundschaften pflege, aber immer für Sexualpartner. Zu Beginn jeder beziehungsähnlichen Verbindung, startet in mir auch ein Countdown, der meines Wissens nicht aufzuhalten ist. Mittlerweile habe ich allerdings realisiert, dass er verlängert werden kann, indem man möglichst wenige Erwartungen an mich stellt. Das wäre nun sicherlich irgendwie umsetzbar, wenn es nicht den berühmten Film in meinem Kopf gäbe, auf den das Gegenüber keinen Einfluss hat.

Unterm Strich ist es sogar beinahe egal, wie sehr sich jemand bemüht, denn den Druck mache ich mir ohnehin. Auch wenn ich rein vom Logischen her weiß, dass niemand mit überzogenen Forderungen an mich herantritt, kann ich das Gefühl der Verbindlichkeit damit nicht besänftigen. Muss ich mich möglichst schnell dem Freundeskreis vorstellen? Sollte ich mehr als ein mal pro Woche bei ihr übernachten? Unternehmen wir genug zusammen? Diese und tausend andere Fragen schwirren vom ersten Tag an in meinem Kopf herum. Je verbissener ich versuche, alles richtig zu machen, desto höher wird der Stress, und die Wahrscheinlichkeit zu scheitern.

Ich konnte noch nie Komplimente annehmen, und generell tue ich mir mit positivem Feedback enorm schwer. Auch die schmeichelnden Worte einer Partnerin erreichen mich demnach so gut wie gar nicht. Ideale Bedingungen also, um das Kopfkino völlig losgelöst von der Realität zu kultivieren, und sich seinen eigenen Reim zu machen. Dass dies nicht nur anmaßend, sondern auch fatal ist, kann ich mir dabei hundert Mal sagen. Es ändert nichts am Countdown, und auch nichts am Ausgang der Geschichte. Das Ende kommt meist schon im zweiten oder dritten Monat, und natürlich bin immer ich es, der sich aus der Bindung löst.

So sehr ich es auch versuchte, ist mir der Ausbruch aus diesem Teufelskreis bisher noch nicht gelungen. Nach zwei längeren Beziehungen zwischen 1999 und 2010, reihte sich in meinem Leben eine Episode an die andere. Dabei traf ich fast immer auf empathische und wunderbare Frauen, die sicherlich etwas besseres als mich instabilen Borderliner verdient hätten. Lange war ich mir der Verantwortung, welche ich diesen Menschen gegenüber habe, nicht bewusst. Mittlerweile jedoch ist mir klar, dass ich in meinem Zustand bei anderen erheblichen Schaden anrichten kann, wenn es zu romantischen Verstrickungen kommt. Da es niemals meine Absicht war, jemanden zu verletzen, habe ich derzeit nur eine Option. Alleine bleiben.

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