Neue Ufer, alte Ängste (6) – Zahnräder

Straße ins UnbekannteNach der Entscheidung die Firma zu verlassen, gingen beinahe zwei Monate ins Land, bis ich wirklich kündigte. Natürlich ließen nagende Zweifel auch vor diesem wichtigen Schritt nicht lange auf sich warten. Sollte ich erst mal in Teilzeit weiterarbeiten, und meine Projekte nebenher vorantreiben? Vielleicht war das geregelte Leben als Angestellter doch die beste Wahl für mich? Konnte ich aufgrund der Krankheit derzeit überhaupt etwas arbeiten? Die Situation überforderte mich total, so dass ich die Angelegenheit erst mal bis zum Urlaub im Mai verschob, und weiterhin Dienst nach Vorschrift tat.

Die zweiwöchige Pause nutze ich dann beinahe ausschließlich, um mich der Planung von künftigen Aktivitäten zu widmen. Ich mietete Domains und Webspace, beschäftigte mich mit Blogsystemen, schrieb erste Texte, und werkelte fleißig am Konzept. Es muss nicht extra erwähnt werden, dass die Urlaubszeit wie im Flug verging. Je näher der erste Arbeitstag kam, umso schlechter wurde mein Zustand. Die herrlich erfrischende Euphorie verflog, und nur noch Angst blieb bleiern schwer auf meinen Brustkorb liegen. Alles in mir sträubte sich dagegen, wieder ins Büro zu gehen, um im bekannten Trott weiterzulaufen. Alte Zwänge verschlimmerten sich, mein Hautbild sowieso, und ich wollte mich nur noch verstecken. Ein Knockout vor dem eigentlichen Kampf. Wunderbar.

Irgendwie schaffte ich es dann doch, am Montag in der Firma aufzuschlagen, und eine schriftliche Kündigung abzugeben. Wie ich die acht Stunden danach überstand, ist mir völlig unbekannt. Wahrscheinlich saß die verhasste Maske auf dem verängstigten Gesicht erneut perfekt, und niemand sah, was wirklich in mir vorging. Ein lustiger Spruch hier, ein bisschen Spaß dort, alles klar. Der Autopilot wurde angeworfen, und ich steuerte mehr oder weniger ferngelenkt dem Feierabend zu. Eigentlich dachte ich, dass es keine große Sache wäre, die paar Tage vor Ort noch abzubummeln, und einen sauberen Cut aufs Parkett zu legen. Scheinbar hatte ich mich geirrt, und ging am nächsten Morgen mit hängendem Kopf zum Arzt, um mich krankschreiben zu lassen. Es tat mir verdammt leid, aber ich konnte nicht anders.

Anstatt erst mal etwas Kraft zu tanken, versuchte ich fortan panisch, die neue Karriere im Eiltempo aus dem Boden zu stampfen. Ich bat Verlagen mein Buchmanuskript an, mailte Tageszeitungen diverse Artikel, und drehte amateurhafte Videoclips für einen YouTube-Kanal. Alles ohne Erfolg, versteht sich. Ich wollte einfach viel zu viel, und das in einem völlig unrealistischen Zeitraum. Aufgrund meiner Angst vor dem sozialen Abstieg war es mir jedoch vorerst unmöglich, das zu realisieren. Der Hauptgrund für jene Sorge ist die Arbeitsagentur, welche mich seit Mai auf Trab hält, und mir hin und wieder den Schlaf raubt. Ich hatte bei meiner Kündigung nicht damit gerechnet, mich jetzt einem Bürokratie-Albtraum von epischen Ausmaßen stellen zu müssen.

Das undurchsichtige und streckenweise fragwürdige Handeln dieser Institution bereitet gesunden Menschen schon Kopfschmerzen, für psychisch Kranke ist es aber kaum zu ertragen. Wie in meinem zweiten Logbucheintrag erwähnt, schickte mich der Vermittler recht zeitig zu einer Amtsärztin, die den Grad meiner Arbeitsfähigkeit feststellen sollte. Das Ergebnis viel exakt deckungsgleich mit dem der Therapeutin aus, nämlich dass ich derzeit keinen Job antreten kann. Nicht für 15 Stunden, und schon gar nicht in Vollzeit. Damit hätte nun eigentlich alles geklärt sein können, wenn die Mühlen des Systems nur ein wenig schneller mahlen würden.

Einige Tage später flatterte mir dann ein Brief ins Haus, der mir den Boden unter den Füßen wegzog, und mich in ein tiefes Loch warf. Mit folgendem Satz erklärte man mir, warum sich mein Leistungsanspruch gerade auf 317,40 € monatlich verringert hatte: „Sie wollen nicht mehr die im Bemessungszeitraum angefallenen durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitsstunden leisten.“ Mehr als zwölf Worte benötigte es nicht, um mich in existenzielle Schwierigkeiten zu bringen, und die ersten Suizidgedanken seit Monaten aufkeimen zu lassen. Well done!

Über das Gutachten und die Aufhebung der Sperrzeit stand darin nichts zu lesen. Auch gefühlte 100 Dokumente, die ich einreichte um meine Krankheit zu beweisen, fanden keine Erwähnung. Bei der Antragsabgabe im Juni wurden mir 741 € in Aussicht gestellt, und nun sollte ich mit nicht einmal der Hälfte auskommen. Allerdings erst ab September, denn Strafe für das unaufgeforderte Verlassen des Arbeitsplatzes muss natürlich sein! Dass das schuldrechtliche Existenzminimum derzeit bei 1045,04 € liegt, hat mich als Niedriglöhner natürlich nicht zu kümmern.

Die nächsten vierzehn Tage nach diesem Schock verbrachte ich völlig entkräftet im Bett. Selbst wenige Schritte zum Supermarkt, um Lebensmittel einzukaufen, vielen mir schwer. Wie früher igelte ich mich in der Wohnung ein, und verweigerte jedem Menschen den Zutritt. Mit dem Beenden meiner gerade mal zwei Monate dauernden Beziehung, wurde wenig später auch der letzte nicht virtuelle Faden zur Außenwelt konsequent gekappt. Wenn ich jemals irgendwelche Fortschritte gemacht haben sollte, dann war davon Anfang Juli nichts mehr zu spüren.

Im Nachhinein betrachtet wundert es mich, dass ich trotzdem weiterhin Artikel verfasste. Unterm Strich war dies das Einzige, was mir noch Auftrieb gab. Ich schrieb die Wut, Verzweiflung, Angst und Sorge nieder, um nicht daran zu ersticken. Es spielte schon lange keine Rolle mehr, ob ich mit den Texten Geld verdiene. Vielmehr waren sie zu einem Strohhalm geworden, an dem ich mich festklammerte. Überraschenderweise schienen meine Worte einigen Menschen etwas zu geben, und so kam sehr positives Feedback von den verschiedensten Seiten. Was ich tat hatte einen Sinn, und zwar nicht nur für mich, sondern auch für andere.

Vor der Planung weiterer Schritte musste ich aber erst mal wieder auf die Beine kommen. Das benötigte Zeit, einen neuen Therapieplatz, und die vielzitierte finanzielle Grundsicherung. Meine Zukunft sah nicht besonders rosig aus, aber dennoch war aufgeben schon bald keine Option mehr. Wie immer sollten es kleine Schritte sein, die mich der Freiheit näher brachten.

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