Neue Ufer, alte Ängste (7) – Alleingang

Straße ins UnbekannteDer Rückfall zeigte mir, wie sehr ich in den letzten Wochen gegen meine Befindlichkeiten, und somit gegen mich selbst, lebte. Ich dachte einfach, dass man sich seinen Ängste nicht oft genug stellen kann, und zwang mich deshalb vermehrt ins pralle Leben Berlins. Sicherlich tat mir die Ablenkung gut, aber es war auch jedes mal ein harter Kampf, unter wildfremden hippen Menschen zu sein. Der einzige vermeintliche Nutzen bestand darin, nicht wieder den Draht zu anderen zu verlieren. Die Idee, dass ich auch draußen sein kann, ohne in Kreuzberg abzuhängen, kam mir dabei nicht.

Anfang Juli erforderte die Entkräftung aber erst mal totale Einsamkeit, und ein Überdenken der Lage. Stück für Stück musste ich mich wieder an die Außenwelt gewöhnen, und so ging ich weg vom Trubel, und hinein in die malerischen Parkanlagen Pankows. Ich machte es mir zum Ritual, täglich wenigstens 30 Minuten an der Panke (ein kleines Flüsschen direkt vor der Haustür) zu sitzen, und Ruhe zu finden. Ich las nicht, und ich hörte keine Musik, sondern blickte einfach nur auf das Wasser mit den sattgrünen Gräsern darin. Was erst eine Art Pflichtübung war, wurde bald zum echten Bedürfnis, auf jenes ich mich regelrecht freute. In den ersten Wochen vollzog ich die kleinen Ausflüge komplett alleine, brachte danach aber auch sehr selektiv Freunde in dieses persönliche Versteck.

In kleinen Schritten weitete ich den Radius meiner Unternehmungen aus, und entdeckte den wunderbaren Botanischen Garten Pankow, sowie den Naturpark Barnim für mich, die gerade mal 20 Fahrradminuten entfernt lagen. Inmitten dieses weitläufigen Gebiets voller Moore, kleiner Seen und Wälder, fühlte ich mich so frei wie schon lange nicht mehr. Der Druck auf meiner Brust verschwand dort, und wich einer tiefen Friedlichkeit. Ich schien tatsächlich noch zu Leben, was mir die Stille und Abgeschiedenheit vor Augen führte.

Besonders erwähnen möchte ich das Wildgehege, wo Damhirsche und ihre Weibchen bzw. Jungen leben. Die zutraulichen Tiere ließen sich aus der Hand füttern, und gaben mir alleine mit ihren Blicken mehr als alle Menschen. Sie urteilten nicht, sie hassten nicht, sondern nahmen den Lauf der Dinge einfach so an, wie er nun mal ist. Mit jedem weiteren Trip in die Natur, wurde das Interesse an den üblichen Großstadtaktivitäten geringer. Ich hatte meine Heimat hier im Norden passend zu den aktuellen Befindlichkeiten wiederentdeckt, und das war toll.

Bekannte traf ich fortan ein- bis zweimal pro Woche, was vollkommen ausreichte. Wirklich nahe an mich heran durfte jedoch keiner, schließlich befand sich meine neue kleine Welt erst im Aufbau, und dazu wollte ich ausschließlich das eigene Bauchgefühl konsultieren. Die Wohnung blieb für Besucher vorerst tabu, und auch wer zu Ausflügen mitkam, musste sich mit der Rolle des Zaungastes zufriedengeben. Erstmals verpflichtete ich mich nur den eigenen Bedürfnissen, ohne jemand anderem Rechenschaft abzulegen, oder Entschuldigungen auszusprechen. „I’m happy in my new strange world.“, heißt es in einem alten Iron Maiden Song so treffend.

Ende Juli wurde dann endlich auch mein Widerspruch gegen den Bewilligungsbescheid er Arbeitsagentur (siehe Teil 6) komplett akzeptiert. Ich bekam weder eine dreimonatige Sperre aufgebrummt, noch wurden die Bezüge drastisch gekürzt. Ihr könnt euch vorstellen, was mir für ein Stein von den Schultern fiel, als man die Entscheidung traf. Ich hatte für mein Recht gekämpft, und dieses letztlich auch bekommen. Nun kann ich mich zumindest zeitweise auf meine Genesung und das Schreiben konzentrieren, ohne zusätzliche Existenzängste im Kopf zu haben. Wenn ich es jetzt noch schaffen würde, eine emotionale Bindung zu irgendwem aufzubauen, dann dürfte auch das dumpfe Gefühl der Isolation verschwinden. Der Berg vor mir mag kleiner geworden sein, abgetragen ist er allerdings noch lange nicht.

2 Kommentare

  • Ich kann dir sehr gut nachempfinden, nur in Worte zu fassen, was alles in meinem Kopf herummspukt, bin ich nicht mächtig.

    Die Ruhe der Natur ist auch mein letzter Anker, der mich vor dem Kopfchaos bewahrt.

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