Ich breche aus!

Skulptur des GefangenenWer mich kennt, der weiß, dass ich seit Jahren gegen die allgegenwärtige Schwere, Lethargie und Stumpfheit ankämpfe. Mal mehr und mal weniger motiviert, mit Innehalten, Zweifeln und beinahem Aufgeben. Ich strample wie ein Säugling, und versuche so gut es geht, meinen Kopf über Wasser zu halten. Ich benutze die Skills, welche man mir in all den Therapien vermittelte, um größeren Schaden abzuwenden und Hoffnung zu schöpfen. In dieser Routine aus Arztbesuchen, Papierkrieg, Achtsamkeit und Gesundungsarbeit, ist mir etwas aber vollkommen abhanden gekommen: Ein klares Bild des Feindes, gegen den ich Tag für Tag so kräftezehrend aufbegehre. Tue ich das alles wirklich aus Eigennutz, und für die Verbesserung meines Zustands, oder versuche ich mich an eine Gesellschaft anzugleichen, welche sich gerade selbst zersetzt?

Ich muss nicht weit blicken, um zu sehen, dass Hass, Entfremdung und totale Leere die treibenden Kräfte in der heutigen Welt sind. Wo sich der Konsumismus früher noch auf Gegenstände beschränkte, werden längst auch Menschen per Tinder und Co. versachlicht, durchgewischt und abgefickt. Die täglichen Aktivitäten auf dem Smartphone, Tablet oder PC, schickt kaum noch jemand durch einen Ethikfilter. Und wenn man irgendwas nicht bei Facebook lesen kann, ist es weder real, noch jemals passiert. Es findet eine Umkehrung der Wirklichkeit statt, der auch ich oft verfalle, und die nur mit größter Wachsamkeit eingedämmt werden kann.

Dummerweise denkt diese emotionale Misswirtschaft nicht daran, sich auf den virtuellen Raum zu beschränken. Im Gegenteil, sie verletzt echte Menschen, schwappt zunehmend in unser Offline-Verhalten, und formt so eine neue Realität, die mich erschaudern lässt. Das Individuum hat in Zeiten von Datingmarathons und Durchoptimierung keinerlei Wert mehr. Ecken, Kanten und Eigenheiten, die einer Person erst ihre Signatur geben, sind verpönt, und erfreuen nur ein paar „Spinner“ am Rande. Der gesunde Menschenverstand, sofern es ihn jemals gab, liegt kollabierend am Boden. Rationalität wird von einem wütenden Mob niedergebrüllt.

Doch zurück zu meiner Eingangsfrage. Ist es verwerflich, dass mir diese Zustände enorme Probleme bereiten? Dass sie mich depressiv und verbittert werden lassen? Dass ich aus dieser kranken Masse flüchte? Hinein in jene durchaus positiv belegte Einsamkeit, wo ich eine kleine Welt mit meinen Katzen aufbaute, die verblüffend stimmig erscheint. Ein Alltag, der mir gut tut, meine Bedürfnisse reflektiert, und heilsam auf alte Wunden wirkt. Ganz alleine konstruiert und geschaffen. Dafür möchte ich mich weder rechtfertigen, noch entschuldigen. Nicht vor der Gesellschaft, nicht vor dem Arbeitsamt, nicht vor Freunden und nicht vor meinen Eltern. Vor niemandem.

Ich weiß durchaus, dass der von mir eingeschlagene Weg kein allgemein akzeptierter ist, und man mir Steine in selbigen legen wird. Ebenso klar ist mir aber auch, dass ich den „Point of no return“, wo eine sichere Rückkehr in die Konformität noch möglich ist, bereits überschritten habe. Ich kann nur vorwärts gehen, und werde jede daraus resultierende Konsequenz in Kauf nehmen. Alles ist besser, als sich wieder schlafen zu legen, und in dieser unwirtlichen Welt dem langsamen Verenden entgegenzudösen.

Ein Kommentar

  • Daß es nur noch in eine Richtung geht, nämlich nach vorne, ist eine Wahrnehmung, die immer wieder mal jemand in meinem Umfeld macht.

    Ich selbst hatte auch vor ein paar Jahren so einen Moment.

    Besonders interessant finde ich, daß ganz verschiedene Menschen mühsam nach Worten suchen und bei derselben Formulierung landen.

    Nicht, daß es jetzt ein Massenphänomen ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.