Vom Helfen und Scheitern

Fußabdrücke im Schnee

Da mein letzter Artikel („Ich breche aus!“) rückblickend betrachtet etwas negativ und einseitig wirkt, hatte ich eigentlich vor, als Nächstes ein Gegenstück dafür zu verfassen. Ich wollte mich mit den Dingen beschäftigen, die das Dasein lebenswert machen. Die gut, wichtig und schön sind. Irgendwo zwischen den täglichen Horrornachrichten aus aller Welt, und kleineren Tragödien im Privatleben, verließ mich der Glaube daran jedoch ein wenig. Derzeit erscheint vieles entweder traurig, erschreckend oder schlichtweg demotivierend. Dieser Zustand ist ein Faktor, den längst nicht nur ich in meine Rechnung mit einkalkulieren muss, um persönlichen Schaden abzuwenden. Es wird Tag für Tag kälter vor der Haustür, und selbst die wärmste Jacke kommt dagegen nicht mehr an.

Ich vermag leider nicht zu sagen, in welchem Umfang jener metaphorische und tatsächliche Temperatursturz schuld ist, aber ich habe in den letzten Wochen einiges an Boden verloren. Der tägliche Kampf um Funktionalität, positive Emotionen und Progression gestaltet sich zunehmend schwerer, und wirft derzeit leider nur mickrige Früchte ab. Von dieser Ebene aus, ist es lediglich ein kleiner Schritt zur Resignation, und zum Infragestellen des kompletten Weges. Warum sollte ich mich bei unzähligen Ärzten mühevoll um einen neuen Therapieplatz „bewerben“? Welchen Nutzen hat das stete Anschwimmen gegen die Sogkraft meines Defizits? Warum fällt es so schwer, erarbeitete Fortschritte halten zu können oder gar auszubauen? Was soll der ganze Mist eigentlich?

Im krassen Gegensatz dazu steht das Bild, das so mancher Mitmensch von mir hat. Nicht zuletzt durch diesen Blog scheine ich bei etlichen Lesern die Stellung des Experten einzunehmen. Dementsprechend häufig werde ich deshalb zu Themen wie Depression, Medikation, Achtsamkeit etc. um Rat gefragt, den ich grundsätzlich sehr gerne gebe. Es ist mir ungemein wichtig, dass Betroffene im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch Hilfe leisten, gerade weil sie viel mehr Verständnis für die Materie aufbringen als Außenstehende. Da eben nicht jeder von uns auf seiner eigenen Insel lebt, können wir nur gemeinsam Dinge zum Besseren verändern. Nun ist es allerdings in der letzten Zeit ein paar mal passiert, dass man von mir konkrete Gebrauchsanleitungen für das eigene Leben wollte, die ich natürlich nicht parat habe.

All mein Wissen basiert auf jahrelanger Therapiearbeit, und vieles davon ist vollkommen subjektiv für die eigen Person und Geschichte anwendbar. Universallösungen gibt es nicht. Darüber hinaus ist mein Kontingent an Support derzeit leider begrenzt, weil ich ebenfalls erschöpft bin, und Unterstützung benötige. Momentan lasse ich mich ziemlich gehen, meine Zwänge haben zudem besorgniserregende Höhepunkte erreicht, und von der hartnäckigen Unfähigkeit zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, möchte ich gar nicht erst anfangen. Dennoch bleibe ich motiviert, übe mich in radikaler Akzeptanz, und erkenne, dass mein Klagen auf hohem Niveau stattfindet. Nicht wenige müssen sich heutzutage mit schwerwiegenderen Problemen herumschlagen, ohne daran zu zerbrechen. Dieses Wissen relativiert vielleicht nichts, aber es darf dennoch im Blickfeld stehen.

Abschließend soll noch erwähnt werden, dass ich es für sehr bedenklich halte, Plattformen wie Facebook oder WhatsApp als virtuelle Kummerkasten zu verwenden. Auch wenn es noch so einfach ist, seinem Gegenüber rasch ein »Wie gehts?« zu schreiben, um damit der freundschaftlichen Sorgfaltspflicht gerecht zu werden, hilft sowas keinem. Ganz im Gegenteil, denn einen trostloseren Austausch kann man sich kaum vorstellen. Mir persönlich bringt es deutlich mehr, wenn ich eine Stimme am Telefon höre, oder hin und wieder Besuch bekomme. Alles ist besser, als die nüchterne schwarze Schrift auf dem babyblauen Hintergrund. Und fragt eure Freunde nicht, ob ihr anrufen oder vorbeikommen dürft, sondern tut das einfach, wenn ihr Lust habt! Wir sollten uns endlich wieder mehr in den Arm nehmen, und weniger am Smartphone kleben. Die Welt wird euch dafür danken. Hoffe ich!

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