Weihnachten am Rande der Stadt

Weihnachten 2015Das Christfest ist eine schwierige Zeit, nicht nur für mich, sondern für viele Menschen. Irgendwo zwischen dem schier unerreichbaren Idealbild von besinnlicher, friedfertiger Familienzusammenführung, und der totalen Katastrophe, liegt die Wirklichkeit. Wer immer noch an jenen allmächtigen zottelbärtigen Gott glaubt, addiert nach persönlichem Gusto etwas religiöse Verklärung zur ohnehin schon brisanten Mischung. Oft türmen sich im wahrsten Sinne des Wortes himmelhohe Erwartungen vor uns auf, die theoretisch schon einschüchternd wirken, praktisch aber so gut wie nicht zu stemmen sind. Viele blenden aktuelle Probleme oder zwischenmenschliche Schwierigkeiten Ende Dezember komplett aus, bzw. bestreichen sie mit einer dicken Schicht Gleichmut. Nur etwas Urlaub von der eiskalten Realität soll es sein. Ein kurzes Innehalten, bevor die Tretmühle des Alltags wieder das Geschehen bestimmt.

Häufig zahlt man für diesen Waffenstillstand jedoch einen ansehnlichen Preis. Da werden faule Kompromisse eingegangen, die eigenen Wünsche komplett ignoriert, oder Rollen angenommen, die das Publikum (meist Familie oder Freunde) gerne sieht. „Klar geht es mir gut in der Großstadt. Ja, ich sollte endlich mal mein Leben regeln. Nein, ich habe immer noch keinen festen Partner. Die Winterjacke ist schon recht abgenutzt, stimmt.“ Es gibt eben stets etwas zu optimieren, natürlich nur gut gemeint zu kritisieren, oder subtil festzustellen. Und nicht vergessen: Wer sich verteidigt, klagt sich an! „Qui se excusat, se accusat“, sagt der Lateiner altersweise.

Wenn ich in meine Kindheit zurückblicke, und versuche, mir Weihnachtserinnerungen vor Augen zu führen, dann sehe ich…nichts! Wahrscheinlich habe ich vieles einfach verdrängt, weil der Kontrast zwischen häuslicher Gewalt und feierlicher Nächstenliebe schon damals zu stark für mich war. Wir zelebrierten alberne Laiendarstellungen ohne Hingabe oder Glaubwürdigkeit. Lediglich ein Satz meiner Mutter blieb mir bis heute im Kopf: „Wenn du vor der Bescherung ins Wohnzimmer gehst, bläst das Christkind dir die Augen aus.“ Worte, die sicherlich jeden Fünfjährigen sofort in freudige Hochstimmung versetzen.

Nachdem ich zuhause ausgezogen war, probierte ich zwischen dem 18. und 23. Lebensjahr noch ein paar mal, das Fest zusammen mit meiner Familie zu verbringen. Jeder gut gemeinte Versuch endete allerdings im tränenreichen Desaster. Egal wie hoch die Leichen sich auch im Keller stapelten, und wie sehr ich an den Gegebenheiten litt, Besinnlichkeit war das oberste Gebot. Man sprach nicht über Konfliktthemen, scherzte dezent, und gab sich wohlgesittet. Mittlerweile ist mir klar, dass eine erbauende Atmosphäre unter diesen Umständen keinesfalls aufkommen konnte. Da ich mich aber nach ein bisschen Wärme und familiärer Akzeptanz sehnte, machte ich solange es ging gute Mine zum traurigen Spiel. Und scheiterte kläglich.

Seit ungefähr 15 Jahren habe ich Weihnachten nicht mehr mit meinen Erzeugern verbracht, und die letzten fünf Jahre auch mit keinem anderen Menschen. Ich feiere gar nicht, und sitze stattdessen mit Katze Monika und Kater Lukas auf der Couch, um mir Horrorklassiker wie „Black Christmas“ anzusehen. Am 24.12. radle ich vormittags gerne durch das menschenleere Berlin, gönne mir eine mit Pudding gefüllte Streuselschnecke am S/U-Bahnhof Pankow, und erfreue mich an den herrlich geschmacklosen Dekorationen der Nachbarn. Manche lassen sich hier etwas zu sehr vom Ballermann inspirieren, und fahren grell blinkende Leuchtfeuer auf, die jeden Puffbesitzer neidisch machen. Toll!

Ich gebe zu, dass diese Art der „Weihnachtsbewältigung“ nicht immer leicht ist. Mein Wunsch nach einer echten Familie, oder temporärer Geborgenheit der klassischen Zweierbeziehung, besteht natürlich weiterhin. Demnach ist die totale Isolation ein sehr radikaler Schritt, der bei nahezu allen Freunden auf Unverständnis stößt. Verglichen mit den oben genannten Strapazen, der Heuchelei und der Selbstverleugnung, kann man jene Herangehensweise aber zumindest eines nennen: Ehrlich. Denn wenn mein Beton nicht mal für ein solides Fundament ausreicht, dann werde ich damit schon gar keine Kathedrale der Nächstenliebe fertigen können.

Doch dies ist eine zutiefst subjektive Ansicht, und gilt natürlich wie immer nicht allgemein. Vielleicht macht ihr es ja besser, daher wünsche ich euch allen erholsame und harmonische Feiertage! Ganz ohne bissige Ironie oder Augenzwinkern. Vergesst nur dabei niemals, wer ihr wirklich seid, und was für Bedürfnisse ihr habt.

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