Liebes Facebook, ich bin noch nicht fertig!

Soziale NetzwerkeDie ersten Tage ohne meinen virtuellen „Schuss“ (siehe Teil 1) waren fürchterlich. Ich fühlte mich unendlich isoliert, alleine und nutzlos. Niemand klopfte mir wohlwollend auf die Schulter oder fütterte mein kleines Ego mit Zustimmung. Darüber hinaus bekam ich den neuesten „heißen Scheiß“ nicht mehr mit, der mir ja so wichtig war. Ich musste meinen Alltag komplett umgestalten, was zunächts ziemlich schwer fiel. Dieses negative Empfinden wich jedoch recht schnell einer inneren Ruhe und Gelassenheit, die ich so gar nicht kannte. Ohne ständiges Checken von Statusmeldungen etc., konnte ich mich viel besser auf eine Sache konzentrieren und wurde produktiver denn je. Kurzum, der Ausstieg tat mir gut.

Wie von meinen Kritikern prophezeit, hielt ich es aber tatsächlich nur drei Monate ohne das Buch der Bücher aus, bis ich in den Schoss der Gemeinde zurückkehrte. Nach anfänglicher Besonnenheit, beteiligte ich mich bald wieder aktiv am Tagesgeschehen, und sammelte fleißig Freunde. Noch deutlich verstärkt wurde das Ganze, als ich mir im Februar 2014 ein Smartphone anschaffte. Von nun an gab es kein Halten mehr. Messenger hier, Status da, Video dort. Ich war immer on, immer erreichbar und immer dabei. Total besessen vom Gedanken, den Leuten ständig nahe zu sein und an ihrem Leben teilzuhaben. Eine verhängnisvolle Scheinwelt, die viel mehr zur tatsächlichen Isolation beiträgt als dass sie User zusammenführt.

„Echte“ Kontakte wurden auf ein Minimum heruntergeschraubt, und selbst intimste Dinge per Chat ausdiskutiert. Warum sollte man sich auch die Mühe machen und anrufen, oder gar zu Besuch zu kommen, wenn es doch so einfach geht? Je nach Lust und Laune schaltete ich Menschen ein und aus, und verreckte währenddessen beinahe in meinem Elfenbeinturm. Direkt vor dem offenen Facebook, versteht sich. Wie früher, fraß ich jeden gebotenen Mist in mich hinein, und wurde dadurch nur noch hungriger bzw. leerer. Ein beschissener Teufelskreis, dem ich eigentlich schon entkommen war. Sollte ein Dasein ohne Facebook unmöglich sein? Hat Mark Zuckerberg tatsächlich gewonnen? Fragen über Fragen, nur Antworten sind Mangelware.

Wenn es wirklich so ist, dass das Leben lediglich eine miese Kopie meines tollen Onlineprofils darstellt, und irgendwelche pseudolustigen Videos zu den Höhepunkten desselben gehören, dann sieht es zappenduster aus. Mittlerweile bringt es einem mehr Ärger ein, jemanden bei Facebook zu entfreunden, als ihm sein Auto zu klauen oder mit der Ehefrau zu schlafen. Ein ständiges verfügbar sein wird vorausgesetzt, und temporäre Abwesenheit gibt bereits Anlass zur Kritik. Hier läuft doch etwas verkehrt, oder? Es ist Donnerstag, der 17.12.15, und ich versuche einen letzten Absprung ohne große Ankündigung. Das Profil wurde gelöscht, und auch die Autorenpage starb ihren Heldentod, was mir 152 „Fans“ verzeihen mögen.

Ob es diesmal klappt, dem Zeit- und Geisteskiller Facebook für immer zu entkommen, steht in den Sternen. Wahrscheinlich liegt die Mehrheit meiner Bekannten bereits jetzt vor Lachen auf dem Boden, und wartet auf eine baldige Rückkehr. Schließlich kennen sie mich in- und auswendig, weil von ihnen anhand meiner Statusmeldungen ja ein exaktes Personenbild erstellt werden konnte. Zumindest zweifle ich nicht im Geringsten daran, dass der Schritt richtig, gut und vielleicht sogar essentiell ist. Immerhin brachte er bereits zwei echte Gewinner hervor, nämlich meine Katzen. Die freuen sich enorm darüber, wieder mehrmals am Tag mit ungeteilter Aufmerksamkeit verwöhnt zu werden. Ein Foto ihrer herrlich entspannten Gesichter wäre bestimmt zum vielbeachteten Post geworden…

2 Kommentare

  • Nur neugierig: Und auf Twitter geht es Dir nicht so?

  • Bisher zumindest noch nicht. Es fühlt sich nicht nur anders an, sondern ich verbringe auch deutlich weniger Zeit dort. Darüber hinaus habe ich wieder viel mehr „echten“ Kontakt zu meinen Freunden, seitdem ich nicht mehr bei FB bin.

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