Logbucheintrag #8 – Isolationshaft

LeuchtturmHeute sind auf den Tag genau acht Wochen vergangen, seitdem ich zum letzten Mal jemanden real getroffen habe. Abgesehen von Passanten, Kassierern oder Nachbarn, bekam mich niemand zu Gesicht. Meine Gespräche beschränkten sich auf „Danke“, „Bitte“ und „Ihnen auch“. Chats gibt es so gut wie gar nicht mehr, und Telefonate lassen ebenfalls nach. Ich bin total unter dem Radar verschwunden, und lebe im selbst gewählten Exil. Sogar für den Einzelgänger Stefan, der sich normalerweise alle zwei bis drei Wochen vergesellschaftet, ist das ungewöhnlich. Wirklich schlecht geht es mir damit aber nicht.

Dennoch besorgt mich diese starke Ausprägung des Phänomens ein wenig. Nachdem ich in einem Anfall von Einsamkeit wieder etliche sinnfreie Konversationen auf OkCupid führte, und Dates verabredete, nur um sie nicht wahrzunehmen, dominiert nun das andere Extrem. Totale Isolation. Ein Mittelweg, der die gesunde Balance darstellt, ist auch nach etlichen Jahren Therapie für mich vollkommen ausgeschlossen. Warum das so ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß lediglich, dass eine tief verwurzelte Angst vor Nähe mich immer wieder dazu treibt, Brücken abzubrechen und Menschen rigoros auszusperren. Dabei würde ich es mir sehnlichst wünschen, endlich in der Lage zu sein, andere an meiner Seite zu dulden.

Leider ist menschliches Miteinander für mich nach wie vor ein Kraftakt, den ich viel zu oft scheue. Sogar lockere Treffen mit engsten Freunden bedeuten Anstrengungen, Erwartungsdruck und mittelgroße Hürden. Da ich mich diesbezüglich nicht immer erklären oder ausschweifend Tipps zur Handhabe des „Patienten“ gebe möchte, bleibe ich lieber von vornherein alleine. Nur soviel zum Verständnis: Durch die gewalttätigen Ausbrüche meines Vaters, wurde mir bereits in frühen Kindertagen eine hartnäckige Angst vor Menschen injiziert, die bis heute anhält. Dass die Bedrohung von einem vermeintlichen Schutzbefohlenen ausging, macht es noch schwieriger, mir wohlgesonnene Zeitgenossen zu akzeptieren.

Mit offenen Feindseligkeiten kann ich sehr gut umgehen, denn die sind klar strukturiert. Freundlichkeit bringt jedoch aufgrund meiner Vergangenheit immer Misstrauen hervor. Oder zumindest die Frage, welchen Nutzen das Gegenüber aus seinem Verhalten ziehen möchte. Ihr seht also, es ist verdammt schwierig. Zudem kann ich von niemandem verlangen, all diesen Mist mitzutragen, nur um einen zweifelhaften Platz an meiner Seite zu buchen. So wie es aussieht, werde ich auch weiterhin ein perfekter Fremder bleiben, den man hauptsächlich aus Erzählungen kennt.

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