Liebe, Lust, die Frauen und ich

Frau mit KaffeetasseWenn Männer sich in Schrift oder Bild der weiblichen Sexualität annehmen, ist das bis heute oft mit einem recht faden Beigeschmack behaftet. Ich versuche es trotzdem. Interessanterweise steckt das wahre Gift seltener im krankhaften Machismo wie er bspw. in Videoclips Verwendung findet, weil dieser derart plakativ ist, dass es keiner Brennlupe bedarf um ihn zu enttarnen. Schwieriger wird es dagegen bei diversen seriösen Publikationen, die ihre patriarchalische „Ich zeig dir wie es geht“ Mentalität mehr oder weniger subtil hinter allerhand hochtrabenden Floskeln verstecken. Jene staubtrockene Herangehensweise verdeutlicht, dass viele Männer die emotionale und völlig individuelle Natur der weiblichen Lust anscheinend nicht verstehen.

Getoppt wird das Ganze noch, wenn sich der armselige Geist von altertümlich religiöser Prägung dazugesellt. Selbst promovierte Fachleute verlautbaren diesbezüglich so manchen Schwachsinn, ohne dabei in Gewissenskonflikte zu geraten. Einer Philosophie der Unterdrückung mithilfe von wissenschaftlichen Thesen zur progressiv-modernen Renaissance zu verhelfen, ist nicht nur lebensfeindlich, sondern auch gefährlich. Sexualität muss frei sein, basierend auf gegenseitiger Zustimmung, Respekt und Vertrauen. Letzteres darf bei kurzen Zwischenmahlzeiten gerne auch durch den Nervenkitzel des Unbekannten ausgetauscht werden.

Ich persönlich bin sehr dankbar, auf meinem Weg selbstbewusste Frauen kennengelernt zu haben, die mir ganz klar sagten, was ihnen im Bett Spaß macht und was nicht. Die keine faulen Kompromisse abnickten, oder sich etwas aufschwatzen ließen. Die mir ein Gespür für Sinnlichkeit, Sanftheit und Dynamik vermittelten. Eben für alle Facetten des menschlichen Fühlens und Erlebens von Dingen. Sie brachten mir bei, viel relaxter mit meiner Männlichkeit umzugehen, was erheblichen Performancedruck wegnahm, und mich extrem liberalisierte.

Angefangen hat dieser Prozess im Jahr 2004 mit handfester Schocktherapie. Ich lebte gerade mal drei Wochen bei meiner neuen Freundin in Berlin, als sie mir Folgendes offenbarte: „Also, was du im Bett so machst, bringt mir gar nichts. Das ist ziemlich mies. Da musst du noch dran arbeiten!“ Stille. Ich war vollkommen vom Donner gerührt, fassungslos und ziemlich verletzt obendrein. Von hier an gab es nur zwei Wege. Entweder ich ignoriere die Ansage und suche mir eine neue Beziehung, oder ich beginne zuzuhören, zu lernen und zu wachsen. Ich wählte Variante B, auch weil ich die Frau schlichtweg liebte.

Nach und nach tastete ich mich immer näher an das wunderbar facettenreiche Lustempfinden meiner Partnerin heran, und wurde dafür recht bald reich entlohnt. Ich verstand, was für ein unsensibler, überheblicher Kleinstadtficker ich war, und wie wenig mir die Befriedigung des Gegenübers am Herzen lag. Ich lernte viel über mich selbst und das unglaubliche Potenzial des freien Willens. Ich erkannte, dass Zärtlichkeit, Tiefe und Innigkeit schon lange in meinem Naturell lagen, und sich lediglich hinter einem verkrusteten Männlichkeitsbild versteckten. Sogar die hartnäckige Orgasmusfixiertheit legte ich irgendwann ab, und gab mich stattdessen der Gesamtheit des Liebesspiels hin. Ganz ohne feste Abläufe oder Schemata.

12 lange Jahre sind vergangen, seitdem ich diese Lehrstunden genießen durfte, und vieles ist währenddessen passiert. Ich habe Frauen getroffen, geliebt, gelitten, gelacht und geweint. Mein steter Begleiter war dabei die tiefe Überzeugung, dass Respekt und Zustimmung als essentielle Grundpfeiler für ein Miteinander zwischen den Geschlechtern unabdingbar sind. Egal ob im Bett, in der Bahn oder am Arbeitsplatz. In diesem Sinne: Seid lieb zueinander!

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