Verloren im Orbit

PferdekopfnebelGestern hatte ich nach langer Abstinenz (siehe hier) endlich mal wieder sozialen Kontakt. Ein Spaziergang mit meiner besten Freundin Christina und ihren beiden Hunden Lumpi und Leo stand auf dem Programm. Wir redeten, lachten, schnappten Luft und spielten die dankbaren Tiere müde. Es war schön, kurzweilig und sicherlich „therapeutisch sinnvoll“, dennoch zog es mich nach einer Stunde zurück in meine beinahe schon autistisch anmutende kleine Welt. Eine Welt, in der nur ich, die Katzen und all die winzigen Dinge existieren, die mir guttun. Ein fragiles Raumschiff, das sich langsam aber sicher immer mehr von diesem Planeten entfernt.

In jenem Flugobjekt fühle ich mich sicher und geborgen. Darin ist es warm, bunt, wild, fröhlich, bizarr, traurig, liebevoll und kreativ. Die Grundidee eines derartigen Rückzugsortes kann also durchaus positiv bewertet werden. Meine Rolle als eigenbrötlerischer, kauziger Professor und Nachlassverwalter für komische Filme, exzentrische Literatur oder laute Musik, steht mir eigentlich gut. In der Raumkapsel gibt es vieles was mich ausmacht und das Herz dazu bringt, schneller zu schlagen. Trotz allem hat die enorm hohe Anzahl der Flugstunden auch negative Seiten. So wird mein Leben zunehmend traumgleich und diffus. Im nüchternen Zustand lässt sich das noch einigermaßen ausbalancieren, wenn jedoch Alkohol ins Spiel kommt, verschwinde ich oft vollkommen im Limbo.

Dann sitze ich häufig nur still da, und überlege, was nun real ist und was nicht. War Person X ein Charakter des letzten Films, den ich sah, oder tatsächlich der Nachbar? Habe ich gestern mit meinem Vater telefoniert oder nur daran gedacht, es zu tun? Schlief ich bereits mit der neuen Bekannten oder sind wir eher im Freundschaftsmodus? Wer bin ich und wo? Welche Personen ziehen an meinen Fäden und wie sieht die Welt hinter dem Spiegel aus? Was soll das alles? Zu diesem wirren Fragenknäuel gesellen sich stets auch Fragmente aus meiner Vergangenheit. Ich denke über verstorbene Freunde nach, erinnere mich an Frauen, die ich einst liebte, und grüble durch die Nacht.

Mittlerweile hat sich der Surrealismus in abgeschwächter Form komplett in meinen Alltag integriert. Auch wenn ich draußen unterwegs bin, erreicht mich kaum ein menschlicher Impuls wirklich. Stattdessen widme ich mich dem Studium unscheinbarer Details, welche nur wenig Beachtung finden. Die Struktur von Baumrinde, Risse im Asphalt, Graffiti, einsame Blumen am Wegesrand. Auch Menschen und ihre Manierismen beobachte ich gerne mal, wenn ein Sicherheitsabstand gegeben ist. Alles ist dann sehr visuell und nonverbal. Ein echtes Erwachen aus diesem Trancezustand kommt immer seltener vor. Egal ob Einkauf, Behördengang oder privates Sozialisieren, ich vollziehe es im Schlummermodus. Sowohl Realität als auch Fiktion wird durch einen Sepia-Filter gleichgemacht und distanziert konsumiert.

Vielleicht ist es meine Art und Weise, mit der zunehmenden Vergrauung dieser Welt umzugehen. Oder ein Schutzschild gegen fatale Auswirkungen des Kindheitstraumas. Man mag es blanken Eskapismus nennen. First World Probleme eines ambitionslosen Träumers. Was auch immer. Fest steht, dass ich mehr und mehr abdrifte. Hinaus in die endlosen Weiten des Raumes. Manchmal habe ich etwas Angst, der Kontakt könnte irgendwann ganz abreißen. Lost in Space.

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