Tango im Trümmerfeld

SchuttManchmal ist meine Krankheit immer dann am beschissensten, wenn sie gerade nicht unkontrolliert wütet. Wenn ich die Symptome leidlich gut unter Kontrolle habe, und weder heulend in der Zimmerecke kauere noch mich mit Rasierklingen selbst verletzte oder in Suizidfantasien schwelge. Das Feuer brennt in diesen Momenten nicht lichterloh, aber die Glut glimmt beständig vor sich hin. Ich bringe mich zwar ohne nennenswerte Katastrophen über die Runden, bin jedoch vollkommen taub, antriebsarm und im Handeln stark eingeschränkt. Eine Art Wachkoma scheint also das Beste zu sein, was (derzeit) machbar ist.

Gerade weil ich an solchen Tagen nicht mühselig ackern muss, um die größten Risse provisorisch zu kitten, komme ich umso mehr ins Grübeln. Was, wenn dieser Zustand wirklich das Optimum ist, welches ich nach diversen Therapien, Zusammenbrüchen und zwei Klinikaufenthalten erreichen kann? Was, wenn die Gesellschaft bald meinen Kopf auf dem Silbertablett fordert und mir die finanziellen Mittel ausgehen? Wie kann ich möglichst schnell wieder funktionieren, um meine Pflicht als produktiver Bürger zu tun? Um den sozialen Abstieg zu vermeiden und das Stigma des Sozialschnorrers oder Simulanten zu umgehen? Wann wird aus dem Überleben endlich ein echtes Leben?

Trotz all meiner Skills, Reflektiertheit und Fortschritte, finde ich niemals Antworten auf diese Fragen. Stattdessen lasse ich weiterhin Woche für Woche verstreichen, bereite mich auf die nächste Attacke vor, und hoffe, dass vielleicht der Sommer etwas Leichtigkeit bringt. Meine Sehnsucht nach Endlichkeit der eigenen Existenz ist dennoch allgegenwärtig. Ich habe mich durch die letzten 38 Jahre geschleppt, viel erreicht, noch mehr verloren, und bin des Kämpfens schon lange müde. Tiefer, immerwährender Schlaf würde mir sicherlich guttun. Ein letzter Schmerz, bevor sich alle Muskeln entspannen und sanfte Stille mich fortträgt.

Ich bin weit davon entfernt mir etwas anzutun, weil mich Tabletten und kontinuierliche Genesungsarbeit in ein relativ stabiles Vakuum zwischen Leben und Tod eingeschlossen haben. Darüber hinaus besitze ich dieses resistente Stückchen Hoffnung, das mich bisher selbst durch düsterste Tage brachte. Die bedingungslose Liebe meiner Katzen ist ein weiterer positiver Faktor. Der größter Wunsch am Ende jeden Tages bleibt allerdings, noch ein letztes Mal einzuschlafen und danach nie mehr aufzuwachen. Cold fact.

3 Kommentare

  • Lieber Stefan. dein Text berührt mich. Mir sind im Laufe meines 38Jährigen Lebens einige Menschen begegnet, deren Existenz maßgeblich durch das Sterben bestimmt ist und war, aus ganz verschiedenen Gründen. Einige dieser Menschen sind gestorben – selbstbestimmt, freiwillig oder weil sie es mussten. Andere kämpften dagegen an, sterben zu wollen. Mein Vater zum Beispiel, hat sich für ein Leben entschieden, dass die Nähe zum irdischen Dasein sucht in aller erschöpfenden Kleinteiligkeit. Eine eigenwillige, schlichte und zähe Nähe, am Rande der etablierten sozialen Rollen, Funktionen und Lebenweisen. Ich fand es nie leicht damit umzugehen, weil ich einsehen musste, dass ich nicht in der Lage bin, Erleichterung zu verschaffen. Dass meine Existenz und Anwesenheit nicht vor dem Sterben bewahren kann, weil der Schmerz, die Erschöpfung, die Krankheit so viel größer sein können, als ich es jemals werden kann. Daran erinnert mich dein Text. Er erinnert mich aber auch an all meine Liebe und den großen Respekt für diese Menschen. An den großen Respekt und die tiefe Bewunderung, die ich empfinde für alljene, die ihrem Leben mit all seinen Verzweiflungen, Schmerzen und Härten voller Offenheit begegnen, darüber sprechen, schreiben und so Klärung, Verbundenheit und Begegnung versuchen. Ich danke dir dafür.

    • Auch hier noch mal danke für dein Feedback! Ich glaube, dass man oft unbewusst schon Erleichterung verschafft, und wenn es vielleicht nur temporär ist. Auch wenn meine Sicht der Dinge für viele Menschen fatalistisch erscheinen mag, kann ich durchaus wahrnehmen, wenn mir jemand wohlgesonnen ist. Wenn er meinen Zustand akzeptiert oder mir zuhört bzw. mich zum Lachen bringt etc. Und zwar unabhängig von dem, was irgendwann mal sein wird oder nicht. Insofern solltest du dein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

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