Konfession eines Antikörpers

ZirkusDer Zirkus hat vor meinem Zimmerfenster halt gemacht. Jeden Abend blicke ich seitdem auf die blinkenden Glühbirnen, studiere das System ihres Farbwechsels und sehe mich an Projektionen satt, die man unter dem Zelt erahnen kann. Was mag darin vorgehen, wenn es wieder einmal heißt „Showtime!“? Schwingen sich wagemutige Artisten durch die Lüfte, bringen tollpatschige Clowns das Publikum zum Lachen, oder werden verblüffende Zaubertricks dargeboten? Ich vermag es nicht zu sagen. Was ich jedoch weiß, ist, dass das Spektakel immer um 22 Uhr ein schlagartiges Ende findet. Die Lichter gehen aus, der Applaus verstummt und nächtliche Stille legt sich auf das beschauliche Viertel.

Zurück bleibe ich, der sich fragt, wohin all der Trubel so plötzlich verschwunden ist. Warum nur ein kleiner Augenblick zwischen wärmender Freude und pechschwarzer Isolation steht. Wieso es in meinem Leben nirgends Mitten gibt, sondern nur Höhen des Himmels oder Tiefen der Hölle. An manchen Tagen jage ich mich durch unzählige emotionale Schwankungen, die mir keinerlei Orientierung erlauben und zudem extrem kräftezehrend sind. Morgens noch fühle mich wie der König dieser verrückten Welt, und um 13 Uhr liege ich weinend, von Zwangshandlungen geplagt, im Bett.

Noch weniger als mir selbst kann ich Freunden jene Achterbahnfahrt erklären. Für sie verwässere ich die Realität meines Zustands noch zusätzlich, indem ich viel mit Ironie, Humor oder krudem Mummenschanz jongliere. Faule Tricks und raffiniert gesponnene Mythen um die eigene Person lassen mich zur Kunstfigur werden, die für niemanden wirklich greifbar ist. Ich arbeite mit Spiegeln, doppelten Böden und Illusionen. Und immer wenn jemand sich hundertprozentig sicher ist, dass eine aberwitzige Anekdote niemals wahr sein kann, liefere ich gerade hierfür handfeste Beweise. Damit bekomme ich wieder genug Glaubwürdigkeit geschenkt, um fünf neue Fantasiegebilde an den Kunden zu bringen. Und so weiter und so fort.

Im Laufe der Jahre erwuchs ich zur bizarren Werkschau aus Film- und Textzitaten, heftigen bipolaren Episoden, Angst, Wut, Irrsinn, Sanftheit, Narben, halbverdauten Traumata, Erinnerungen, Wissen, Einsamkeit und Kälte. Es fehlt nur noch ein verwegener Aliasname, der dieser abgefuckten Sideshow den nötigen Wiedererkennungswert gibt. Wer weiß, vielleicht hat sich mein „Publikum“ bereits ein passendes Pseudonym ausgedacht. Wo das wahre Ich unter all den grell leuchtenden Schichten liegt, habe ich schon längst vergessen. Wenn ich es überhaupt einmal wusste. Ich rannte immer tiefer in den Wald, und legte keine Spur aus Brotkrumen, um jemals wieder herauszufinden.

Meine Existenz wurde zum Entertainment, zur Performance, zum Zeitvertreib für Freunde des Absonderlichen. Seht die Mutation! Erlebt den Schrecken! Fühlt die Verzweiflung! Hereinspaziert! Schmeißt nur einen lausigen Euro in die Maschine und der bezaubernde Freak spielt auch euch etwas Zerstreuung ins graue Einerlei. Ein wohldosierter Nervenkitzel, bevor ihr zurück in die Komfortzone geht, die langfristig deutlich beständiger und sicherer erscheint. Mr. and Misdemeanor, middle of the roaders…

Das Miauen meiner Katze reißt mich aus den Gedanken. Ich sitze immer noch hier und starre ein leeres Zirkuszelt an, welches im Dunkeln auf die nächste Vorstellung wartet. Alleine und verlassen. Morgen, wenn die Lichter angehen, kann man sich erneut an all dem ergötzen, was kunstvoll gestaltete Reklametafeln in großen Buchstaben versprechen. Auch ich bin wieder dabei. In sicherer Entfernung, ohne Schleimhautkontakt oder Berührung. Licht aus, Spot an!

Ein Kommentar

  • Mein erster Gedanke:
    Hat er sich aufgegeben?
    Zweiter Gedanke:
    Jo, das Eine oder Andere kenne ich auch.
    Dritter Gedanke:
    Möchte helfen.

    Hatte gestern und Heute wieder einige Erkenntnisse, leider keine schönen. Die Annahme der gegenwärtigen Situation will mir einfach nicht so recht gelingen, ist ja auch schon lange kein Leben mehr.

    Du bist nicht allein.
    Julie

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