Transit obskur

SteinmauerIch bin kein Flüchtlingskind, das auf der gefährlichen Reise in die vermeintliche Sicherheit ertrunken ist. Ich bin auch kein Obdachloser, dem der Eiter bis zum Knöchel im Schuh steht. Der nicht mehr kann, keinen Schutz hat, keine Heimat und niemanden, der ihn in den Arm nimmt. Für den nur noch der Sprit etwas Erleichterung bringt. Nein, ich bin nur ein hirngefickter Spinner, dessen Krieg in frühester Kindheit begann und ihm Bilder bescherte, die er nie verarbeiten oder vergessen wird. Ich bin ein privilegierter Kranker. Ich besitze ein Dach über dem Kopf, ausreichend Essen und im Winter eine warme Jacke. Komfortzone mit Blick ins Grüne.

Ich jammere auf hohem Niveau. Ich habe Menschen, die mich lieben, wunderbare Katzenfreunde und meine Musik um mich. Ich muss keine großen Entbehrungen ausstehen. Und dennoch bin ich ein kaputter Geist, der zu viel trinkt und zu wenig erreicht hat. Der sein Leben lang das Leben anstarrt und ihm hinterherrennt. Der den Schmerz nicht aus sich herausbekommt. Auch nicht die tiefe Schwärze, die Angst und den bitteren Geschmack des Versagens. Aber ich bin dankbar. Für den ab 16.30 Uhr reduzierten Salat bei Edeka oder meine 2-in-1 Weltraumlampe.

Ich atme, esse, vögle, schlafe, weine, rede und lebe dennoch nicht. Ich warte auf den Abpfiff. Auf ein Ende der Schwere und des fiebertraumartigen Daseins. Oder auf einen Schlag mitten ins Gesicht, der mich erwachen lässt. In den letzten 38 Jahren hat sich so viel Bizarres in meine Netzhaut eingebrannt, dass ich mehr als bereit für den Schlussakkord bin. Ich durchschwamm die Untiefen des Wahnsinns und flog so hoch mich meine Vorstellungskraft tragen konnte. Jeden Tag gehe ich zur Haltestelle und warte auf den Bus. Auf jemanden, der mich dort abholt. Mich erreicht. Durchdringt. Es kommt aber keiner. Der Junge in der Seifenblase steht nur stumm da, guckt ins Leere und murmelt: „Danke für diesen Tag.“

2 Kommentare

  • Was sagt man einem Menschen dem es schlechter geht, als einem selbst. Dessen Probleme für mich nicht nachvollziehbar sind. Ich glaube, dass ist dieses Gefühl, wenn man nicht weiß, wie man mit der Krebserkrankung eines Bekannten umgeht. Bei der Begegnung auf der Straße mit dem sterbenskranken Stiefvater meines Sohnes, sagte Ich: Ich Hab keine passenden Worte, und hab ihn umarmt…..

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