Tagebuch eines Trinkers (1) – Bestandsaufnahme

Bier

Ich trinke seit meinem 15. Lebensjahr Alkohol. Während anfangs nur Bier auf der Rechnung stand, war ich mit 17 schon beim härtesten Stoff, den man in meiner Stammkneipe ausschenkte. Captain Morgan mit 73% Feuerkraft sollte es sein. Zwischen einigen Pils, kippte ich davon vier Shots pur weg, bevor ich dreimal gegen die offene Ausgangstür lief, um mich auf den Heimweg zu machen. Damals war das alles cool, lustig und in der fränkischen Provinz auch akzeptierter Alltag. Schließlich handelt es sich um ein Grundnahrungsmittel. Steht ja angeblich im bayerischen Lebensmittelregister. Oder im Telefonbuch von Buxtehude.

Jedenfalls leerte ich in den letzten 24 Jahren unzählige Flaschen Bier und Wein, dazu gerne mal Schnaps, Likör oder was sonst so verfügbar war. Ich habe nicht wenige gute Freunde erst zu Trinkern und dann zu Schwerstalkoholikern werden sehen, für die es irgendwann kein Zurück mehr gab. Mit der pseudo-sarkastischen Art, sich ein wenig über das Saufen lustig zu machen, fuhr ich stets hervorragend, ohne mein Pensum jemals wirklich einschränken zu müssen. „Happy little boozer“ kommen sowohl in Kulmbach als auch Berlin prima an und stehen mitten im Rampenlicht.

Im Laufe der Zeit schlich sich die Sucht mehr und mehr in mein Leben und wurde irgendwann zum steten Begleiter. Sicherlich gab es Tage, an denen ich bewusst nüchtern blieb, sowie diverse Versuche, meinen Konsum zu reduzieren. Gebracht hat das nicht wirklich viel. Wenn ich mal auf das Bier verzichtete, dann nur, um 48 Stunden später wieder ohne schlechtes Gewissen trinken zu können. Im Kopf blieb die Abhängigkeit jedoch immer erhalten. Ständig drehten sich meine Gedanken um Alkohol. Alle gut gemeinten Regeln wurden bald missachtet, und das alte Spiel begann von vorne.

Zwar zog ich mich schon vor Ewigkeiten aus dem Nachtleben zurück und ging auch mit Freunden nicht mehr abends weg, doch dem Suff blieb ich treu. Fortan becherte ich beinahe ausschließlich alleine und zu Hause. Drei Bier zum Film, ein Glas Wein zur Musik und so weiter. Vor ein paar Jahren mag ich noch Stresstrinker gewesen sein, der zur Flasche griff, wenn er die karge Realität nicht mehr ertragen konnte. Irgendwann verlagerte sich das, und ich trank einfach aus purer Lust am zweifelhaften Genuss. Frei nach dem von Hammerhead geprägten Motto: „Ich sauf allein!“.

Es ist schon paradox, dass ich durch Therapien, Skills und Achtsamkeit zunehmend Boden gutmachen konnte, dabei allerdings nie in Frage stellte, ob vielleicht auch das Trinken negative Auswirkungen auf mein psychisches Wohlbefinden hat. Ich erarbeitete mir ein Leben, das deutlich mehr Qualität beinhaltete, trank aber dennoch munter weiter. Jede halbseidene kulturelle, elterliche oder religiöse Prägung wurde auf den Prüfstand erhoben und radikal aus meinem Konzept entfernt, wenn sie mehr Hindernis als Hilfe darstellte. Diese jedoch nicht. Alles kein Problem, für einen lustigen fränkischen Schluckspecht, der eben gerne mal sein Bierchen hebt. Ironie aus.

2 Kommentare

  • Wow… Vielen Dank für die ehrlichen Worte und Einblicke. Ich glaube, dass, wenn du hier wieder weiterschreibst, einigen Leuten etwas mitgibst.

    Mir haben viele deiner älteren Texte hier schon geholfen, Dinge zu erkennen, die ich sonst gar nicht erkannt hätte. Wie die Notbremse mit dem Job.

    • Momentan sieht es ganz danach aus, dass ich wieder mehr schreiben werde. Seitdem ich trocken bin, habe ich deutlich mehr Energie und bereits drei neue Artikel runtergetippt.

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