Tagebuch eines Trinkers (2) – Einsicht

BierMit Ausnahme eines achtwöchigen Klinikaufenthaltes gab es seit 1992 keinen längeren Zeitraum mehr, den ich nüchtern erlebte. Warum auch? Schließlich fand sich immer ein Grund zum Feiern, egal wie bescheuert er auch war. Meine erste richtig harte Phase hatte ich bereits mit 19. Da setzte ich mich samstagabends vor den PC und trank nebenbei bis zu 1 ½ Flaschen Billigwein. Irgendwann verschwommen die Bilder am Monitor so sehr, dass ich mit letzter Kraft in mein Bett kroch und den Rausch ausschlief. Um meine Sucht zu befriedigen, brauchte ich schon sehr früh keine Gesellschaft mehr.

Im Laufe der Jahre soff ich mich durch die Lehre, Arbeit, diverse Beziehungen, den Umzug nach Berlin, psychische Abstürze, einige Affären, bis hin in die Gegenwart. Während ich 2015 oft trank, um Stress und Ängste zu vergessen, blieb ich 2016 bewusst nüchtern, wenn nicht alles rund lief. Ich wollte zumindest Konfliktsituationen ohne Bier durchstehen können und nur noch aus Genuss trinken. Dies gelang mir sogar recht gut, einen kontrollierten Umgang mit der Flasche bekam ich aber trotz mehrerer Versuche nicht hin.

So nahm ich mir fest vor, lediglich an drei Tagen pro Woche Alkohol zu trinken. Meist wurden daraus aber fünf, und die restlichen beiden blieb ich nur aufgrund des quälenden Gewissens nüchtern. Pro Abend durften es circa zwei Flaschen Bier und eine halbe Flasche Wein sein, die ich konsumierte. Wenn es richtig lief, dann auch mal mehr, allerdings nie bis zum Exzess. Das ließ der innere Kontrollfreak nicht zu. Während mir dieses Ritual vor einigen Monaten noch Freude bereitete, wurde es irgendwann zur allbekannten Gewohnheit, die mich nur sehr bedingt anturnte.

Im Gegenteil, die Selbstverachtung nahm stetig zu, wenn ich mal wieder halb besoffen in der Nacht aufwachte, oder ohne Sinn und Verstand auch noch den letzten Rest Wein direkt aus der Pulle trank. Der Spaß war weg, aber die Abhängigkeit im Kopf voll da. Ohne Alkohol konnte ich nicht mehr richtig schlafen und meine Gedanken drehten sich nur noch darum, wo ich mir den nächsten chilenischen Rotwein besorge und welcher Supermarkt die Lieblingsbiermarke verkauft. Ich becherte zwar nun unter dem Deckmantel des Connaisseurs, denn minderwertiger Stoff kam mir nicht mehr ins Glas, war aber dennoch nur ein armer Schlucker, dem die Zügel schon längst entglitten sind.

Vor acht Wochen wurde mir dann endgültig klar, dass ich einen Break brauche. Und zwar schnell. Voller Ambition beschloss ich, sechs Monate komplett auf Alkohol zu verzichten. Nur um mein Vorhaben vier Tage später in „kontrollierten Konsum“ umzuwandeln. Leider war ich in kürzester Zeit wieder auf dem alten Level angelangt. Als die Vernunft nach weiteren Eskapaden erneut einsetzte, stand Folgendes fest: Ich kann nicht verantwortungsvoll mit Alkohol umgehen und würde nach einer Auszeit immer wieder in das gängige Muster verfallen. Ich bin süchtig und muss dauerhafte Abstinenz anstreben. Koste es, was es wolle.

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