Tagebuch eines Alkoholikers (3) – Entzug

BierEs sind jetzt 23 Tage vergangen, seitdem ich meinen letzten Schluck Alkohol trank, und nichts ist mehr, wie es war. Ich habe sehr viel nachgedacht und gelangte zu Einsichten, die mir früher vollkommen verwehrt blieben. Erstmals in meinem Leben konnte ich den Konsum objektiv einordnen und verstehen, wie er mich manipuliert. Wie wenig Qualität vom Trinken wirklich ausgeht und was ich mir im Gegenzug dadurch verbaue. Ein dauerhaft trockenes Dasein könnte extrem viele Möglichkeiten bieten und mich mit Sicherheit persönlich sowie psychisch weiterbringen. Die klassische Win-Win-Situation.

Bevor es jedoch zu dieser klaren Sicht kam, musste ich durch die ersten sieben nüchternen Tage, welche verdammt hart waren. Von Vorteilen konnte ich da noch nichts spüren, während die Mängel allgegenwärtig schienen. Ich kam mir vor wie ein Junkie, der ohne Fix in den Seilen hing. Mein Hirn verlangte nach Alkohol und betrauerte alles, was mir fortan fehlen würde. Nie mehr angeheitert blöde Filme gucken oder neue Musik abfeiern. Keine feuchtfröhlichen zweiten Dates mit schnellem Sex. Weihnachten, Geburtstag, Silvester ohne Zuprosten und zufrieden betrunken einnicken. Alles weg.

Bierwerbung, Partyfotos oder Artikel über den Berliner Hedonismus schmerzten wie Messerstiche und ließen mich an meinem Vorhaben zweifeln. „Ein Bier ist doch kein Problem. Und wenn ich doch wieder kontrolliert konsumiere? Eine kleine Auszeit hat auch ihren Wert. Für immer ist einfach zu lange. Schließlich trinkt jeder und kommt damit irgendwie klar.“ Die Liste der Ausflüchte war endlos und der Suchtdruck riesengroß. Ich fühlte mich isoliert und vollkommen spaßbefreit. Meine Abende gerieten zu harten Bewährungsproben, die in schlaflosen Nächten endeten. Besoffen konnte ich schlummern wie ein Murmeltier, jetzt allerdings wälzte ich mich in den Laken. So fühlt es sich also an, wenn ein Spritkopf auf dem Trockendock liegt.

Doch ich hielt durch, blieb standhaft und motivierte mich mit Geschichten von Prominenten, die ihre Sucht ebenfalls bezwangen. Da wäre zum Beispiel Alice Cooper, einer meiner absoluten Helden und Lieblingsmusiker, der so lange Budweiser in sich hineinschüttete, bis er Blut kotzte. Der Ausnahmekünstler benötigte zwei Anläufe, um der Sucht abzuschwören, ist aber mittlerweile 33 Jahre trocken und sehr glücklich. Laut eigener Aussage wurde er vom clean sein genauso high, wie damals vom Saufen, nur eben im positiven Sinne. Wenn er es kann, kann ich es auch.

Nach den ersten heftigen Tagen verbesserte sich die Situation, denn der Overkill an Nüchternheit entwickelte sich langsam zur Gewohnheit. Ein stabiler Rhythmus und ungeahnte Energieschübe ersetzten die Trägheit der letzten Monate. So tippte ich in wenigen Stunden ganze acht Artikel herunter, malte neue Bilder, schoss Fotos und schmiedete Pläne. Die bisher rein theoretischen Vorzüge meiner Abstinenz nahmen nach und nach Gestalt an und zeigten mir neue Wege auf. Mit großer Spannung stellte ich mir die Frage, was für ein Mensch ich nüchtern wohl sein werde.

Zögerlich freundete ich mich mit der Idee an, nie wieder etwas zu trinken. Ich möchte diese oft unglaublich beschissene Welt nun ausschließlich pur erleben, ohne daran zu verrecken. Den scharfen Geist und fokussierten Blick nutzen, um weiter zu wachsen. Die gewonnenen Ressourcen klug einsetzen, bestehende Projekte vorantreiben und neue aus der Taufe heben. Ich kann nur hoffen, dass ich es schaffe und meine Tage als bedauernswerter Säufer endlich vorbei sind. Neustart, Baby!

6 Kommentare

  • Hi, ich folge dig jetzt auf Twitter. Ich bin selbst Alkoholiker. Mittlerweile nur noch alle 2 – 3 Wochen von einem Rückfall gebeutelt. Nach jahrelangem Konsum von mind. 1 Flasche Vodka täglich. Ich wünsche dir viel Erfolg. Lg, Andreas

  • Lisa Steinhauser-Gleinser

    Hallo,

    als Angehörige kann ich alles, was Du durchmacht, aus den Erzählungen und dem Miterleben beim Partner nachvollziehen. Daniel Schreiber hat ein kluges Buch geschrieben „Über das Trinken und das Glück“. Lohnt sich reinzuschauen. Versuchs mit Sport, da spürst Du jeden Tag wie stark Du bist und wirst.

    Keep on fighting.

    • Hallo Lisa! Danke für deinen Kommentar und den Buchtipp. Ich werde auf jeden Fall mal reinlesen. Über Sport habe ich auch schon nachgedacht, aber da ist mein innerer Schweinehund derzeit noch zu groß. 🙂

  • Lisa Steinhauser-Gleinser

    Sport ist vielleicht ein zu großes Wort am Anfang. Fahrradfahren ist immer gut. Aber je länger du vom Konsum weg bist (als ehem. Raucherin, ist ja auch eine Suchtkrankheit), desto leistungsfähiger wirst Du. Der Drang sich zu bewegen, den Aktionsradius zu erweitern, das kommt fast automatisch. Und dann findet sich der „Sport“, der für dich gut ist. Die einfachen Sachen zuerst, sagt der „innere Trainer“.Machs gut im Trockendeck!

    • Also Fahrrad fahre ich fast jeden Tag. Zwar nur ein bisschen mit dem klapprigen Damenrad, aber immerhin. Und diesen erhöhten Bewegungsdrang verspüre ich auch. Ich bin deutlich aktiver geworden, seitdem ich nicht mehr trinke. Es wird! 🙂

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