Zurück bleibt die Erinnerung

lukasWährend der letzten vier Monate klopfte Gevatter Tod dreimal an meine Tür, ohne mir dabei nur ein Haar zu krümmen. Stattdessen berief er zuerst Kater Lukas und wenig später Oma Berta und Onkel Werner zu sich. Vielleicht bin ich ein Scheusal, oder wirklich nicht zur emotionalen Bindung mit Menschen fähig, aber der Verlust des geliebten Stubentigers traf mich davon am meisten. Die von ihm hinterlassene Lücke wird niemals zu füllen sein, was der immer noch präsente Schmerz beweist. Auch wenn er in den Wochen vor seinem Heimgang stetig dünner wurde und man das hohe Alter erahnen konnte, geschah dennoch alles viel zu schnell.

Irgendwie vermittelten die beschaulichen Spätsommerabende, welche wir zusammen auf dem Balkon verbrachten, ein trügerisches Bild der Sicherheit. Lukas genoss die Aufmerksamkeit und erfreute sich trotz Formschwächen am gemeinsamen Alltag. Hin und wieder ärgerte er Mitkatze Monika wie in besten Zeiten, absolvierte kleine Entdeckungstouren durch die Wohnung und verspeiste jedes Leckerli gerne. Vieles deutete darauf hin, dass uns noch ein paar schöne Monate zusammen blieben, bevor die beinahe 18 Jahre ihren Tribut forderten.

Leider kam es anders, denn am 20. August kollabierte der mutige kleine Mann überraschend vor meinen Augen und konnte sich danach nur mühevoll wieder aufrappeln. Sein Zustand hatte sich schlagartig drastisch verschlechtert. Das Ende rückte ganz plötzlich in greifbare Nähe, weshalb wir uns am folgenden Sonntag in Ruhe verabschiedeten. Im Laufe dieser wichtigen letzten Stunden erlebte ich Lukas von einer Seite, die mich tief berührte und dankbar machte. Jede Bewegung fiel ihm sichtlich schwer, dennoch kam er zu mir ins Bett, um sich auf meine Brust zu legen. Noch ein paar kostbare Momente der Wärme, die uns beiden gut taten.

Als ich Lukas 2011 aus dem Tierheim abholte, war er ein verstörter, wahrscheinlich traumatisierter und sehr aggressiver Kater, der niemanden wirklich an sich heranließ. Er machte es mir und Monika wahrlich nicht immer leicht, zeigte aber schon früh auch eine andere Facette seines Wesens. Etwas Empathisches, Freundliches und Kluges schimmerte da durch den dicken Schutzpanzer. Anfangs nur ganz selten, weil die Angst viel zu stark war, aber allmählich immer öfter. Mit einer ordentlichen Portion Geduld, viel Liebe und nicht zuletzt schmackhaftem Bestechungsfutter, konnte ich den Rabauken für mich gewinnen.

Es dauerte beinahe zwei Jahre, bis das Tier wirklich Vertrauen fasste und sich in meiner Gegenwart unbedroht fühlte. Fortan gab er mir so unendlich viel, dass all die anfänglichen Mühen schnell vergessen waren. Nähe und Streicheleinheiten nahm Lukas zwar immer noch eher zögerlich an, wenn es mir jedoch schlecht ging, war er sofort zur Stelle. Aus dem Respekt einflößenden Angstbeißer wurde ein liebenswerter Eigenbrötler, dessen Manierismen mich viel zu oft an meine eigenen erinnerten. Zusammen mit Monika brachte er mich durch harte Zeiten, in denen ich nicht einmal für die engsten Vertrauten erreichbar war.

Am 22. August setzte ich Lukas gegen 09.45 Uhr in seine Transportbox und machte mich auf den schwersten Weg meines Lebens. Der Arzt schenkte ihm nur einen kurzen Blick, bevor er wenig mitfühlend sagte: „Ihr Tier sieht erbärmlich aus.“ Auch ohne diese schroffen Worte begriff ich, dass der Vierbeiner eingeschläfert werden musste, um ihm weiteres Leid zu ersparen. Fünf Minuten später beendete eine Injektion sein irdisches Dasein und er verließ mich mit derselben Sanftmut, für die ich ihn so mochte. Ich glaube nicht an eine Existenz nach dem Tod, besitze aber diese kleine Schatzkiste in meinem Herzen, worin Lukas seinen Platz hat. Danke für alles, geschätzter Freund.

3 Kommentare

  • Bei diesen Zeilen kommen mir die Tränen. Auch ich habe vor gerade mal einen Monat meinen geliebten Stubentiger Joker verloren – er starb in meinen Armen, geschwächt vom Alter und einer Infektion, der er nicht mehr viel entgegen zu setzen hatte. Es ist schrecklich und wenn ich an diese letzten Tage und die Momente des Abschiedes denke, kann ich es immer noch nicht fassen.

    Auch er fehlt mir so unendlich, so wie du wahrscheinlich deinen Lukas vermisst. Und auch er hat eine Lücke hinterlassen, die man einfach nicht füllen kann.

    Fühl dich gedrückt…

    • Hallo Sandra! Dein Verlust tut mir sehr leid. Es gibt wohl keine passenden Worte, die den Schmerz lindern. Man kann nur weiterleben und das geliebte Tier in seinem Herzen behalten. Vielleicht überwiegen all die schönen Erinnerungen irgendwann und aus der Trauer wird Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Ich hoffe es für uns beide. Alles Gute und bleib tapfer!

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