Leitmotiv Luzifer (1) – Per Aspera

Irgendwann in den frühen Neunzigern kamen meine Erzeuger auf die aberwitzige Idee, mir alle Schallplatten mit scheinbar negativen Konnotationen wegzunehmen. Besonders plakative Cover von Bands wie Venom, Slayer oder Celtic Frost, mit meist recht finsteren Szenarien, versetzten beide zunehmend in Sorge. „Der Junge wird Satanist“, waren damals die prophetischen Worte meiner Mutter, welche von der Materie natürlich so viel Ahnung hatte, wie ich vom Wasserballett. Doch trotz der etwas verfrühten Diagnose sollte sie recht behalten. Lediglich eine kleine Korrektur möchte ich vornehmen: Der Junge wurde nämlich kein Satanist, sondern war es schon immer und realisierte dies lediglich etwas später.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich bezeichne mich, nicht ohne Hochgefühl, als atheistischer Satanist. Die Schattenseite des irdischen Daseins faszinierte mich schon seit frühester Kindheit, was in einem von häuslicher Gewalt gezeichneten Elternhaus wohl naheliegend ist. Monster, Horror, Fabelwesen, Mythen und natürlich auch die eher albernen Salbungen der oben genannten Musiker, schlugen mich nicht nur in ihren Bann, sie übertünchten auch den grauen Alltag. Mit großer Akribie und Hingabe erschuf ich eine eigene Welt, die nur mir gehören sollte. Bitter nötige fantastische Rückzugsorte voller düsterer Legenden. Von der Philosophie des seriösen Satanismus war ich damals natürlich noch denkbar weit entfernt.

Infantile Musiktexte, welche hauptsächlich Gewinnmaximierung durch Schockwirkung darstellten, hätten mich auf diesem Gebiet auch kaum weitergebracht. Schließlich, und hier kommen wir zum nächsten gängigen Klischee, geht es nicht um die Anbetung eines gehörnten Bösewichts mit Pferdefuß oder untergeordneter Höllendiener. Schon deshalb werden im von Anton Szandor LaVey geprägten Satanismus Blutopfer und ähnlicher krimineller Schwachsinn strikt abgelehnt. Vielmehr handelt es sich bei der Church Of Satan um eine lebensbejahende Organisation, die persönlichen Wachstum zelebriert.

Der Lichtbringer Luzifer, das muss ich interessierten Zuhörern immer wieder erklären, steht als Sinnbild für Rebellion gegen Autoritäten und ein selbstbestimmtes Wirken, fernab von veralteten Dogmen oder Prägungen. Man strebt eine lustvolle Existenz an, die im Einklang mit unseren tierischen Ursprüngen und frei von gesellschaftlichen Fesseln ist. Ohne dabei jemandem zu schaden! Basierend auf Vernunft, Selbstverantwortung und dem Respekt vor anderen Denkweisen, erschuf LaVey eine starke Ideologie, die mich persönlich enorm weiterbrachte. Der Mut und die geistige Fähigkeit, sich von sklavischer Verehrung eines Gottes oder Götzen zu emanzipieren, gleichen prächtigen Flügeln aus Möglichkeiten.

Im Jahr 2013 beschäftigte ich mich das erste Mal wirklich ernsthaft mit dem Thema, wobei mein Einstieg ganz regulär durch die satanische Bibel erfolgte. Dieses scharfsinnige, ungeahnt humorige, kluge Buch fußt zwar auf gesundem Menschenverstand und einer guten Beobachtungsgabe unserer Manierismen, ist aber dennoch viel mehr als nur ein Ratgeber unter vielen. Wer die facettenreiche Dunkelheit schätzt und mit kindlicher Neugier sowie scharfem Verstand „gesegnet“ ist, kann durch das Studium eine wahre Initialzündung erfahren, die ihresgleichen sucht. Doch davon im nächsten Teil mehr…

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