Rückkehr in die Wirklichkeit

Es muss 2012 gewesen sein, als mir der Arzt zum ersten Mal Fluoxetin verschrieb. Hierbei handelt es sich um ein klassisches Antidepressivum, welches die Aufnahme von Serotonin hemmt und seine Wirkung im Körper verlängert. Die Tabletten sollten mir helfen, meine damals starken Depressionen und Zwangshandlungen in den Griff zu bekommen. Ich zögerte mit der Einnahme eine ganze Weile, schluckte aber bald täglich 20 Milligramm davon. Die Hoffnung auf Leidensmilderung überwog einfach jede in mir rumorende Skepsis. Im Nachhinein betrachtet war es damals wohl die beste Entscheidung, denn ganz ohne Unterstützung hätte ich mich nie aus dem tiefen Loch ziehen können.

Zwar kämpfte ich auch mit diversen Nebenwirkungen, nahm diese für eine vermeintliche Besserung aber gerne in Kauf. Mit Schlafstörungen sowie dem enormen Abbau der Libido konnte ich leben und die andauernde Müdigkeit registrierte ich anfangs gar nicht. Im Laufe der Zeit wechselten sich Einzeltherapien mit Gruppensitzungen ab, nur Fluoxetin blieb ein steter Begleiter. Spürbare Fortschritte erzielte ich dennoch weder 2012 noch 2013, weshalb ich auf das Medikament irgendwann verzichtete. Allen Warnungen meiner Freunde zum Trotz. Es war Sommer in Berlin und ich frisch verliebt. Wer braucht da schon Prozac um gut drauf zu sein?

Ein Rückfall schien absehbar, denn bereits im Dezember scheiterte das junge Glück und ich fand mich völlig handlungsunfähig auf dem Boden der Tatsachen wieder. Mit gesenktem Haupt kroch ich zurück in die Praxis meines Vertrauens, um mir ein neues Rezept zu holen. Diesmal empfahl man mir 40 Milligramm, die ich bereitwillig einnahm. Drei lange Jahre blieb ich dabei, ohne überhaupt zu registrieren, wie heftig mich die Tabletten sedierten. Wie sehr sie alles auslevelten, glattbügelten und jede Dynamik in mir killten. Ich fiel nicht mehr so tief, konnte aber auch keinerlei Ausschläge nach oben verbuchen. Mein Dasein erschien vollkommen distanziert und surreal. Egal ob ich gerade liebevollen Sex hatte, oder mir ein Butterbrot schmierte, alles fühlte sich gleich an.

Spätestens 2015 erlebte ich die Realität beinahe so wie einen Film im Fernsehen. Ich konnte sie nach belieben ein- und ausschalten, schien aber darüber hinaus zur Passivität verdammt. Ältere Blogbeiträge spiegeln die Situation ziemlich gut wider, auch wenn ich damals noch nicht verstand, wie sehr die Medikation daran Anteil hatte. Die Kombination aus Entrücktheit und anhaltender Erschöpfung verwandelte mich in einen apathisch umherschlurfenden Zombie. Der Geist mag noch wach gewesen sein, aber mein Körper wurde durch bleierne Schwere gelähmt. Manchmal schlief ich bis zu 11 Stunden pro Nacht. Als ich nicht mehr arbeitete, kamen dazu noch circa 2 Stunden Mittagsschlaf.

Trotz diverser Episoden mit Frauen war ich zu keiner emotionalen Bindung fähig. Komplimente, liebevolle Gesten, menschliche Wärme, nichts drang durch. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Ich spielte zwar weiterhin irgendwie mit, blieb aber mehr Zuschauer als Akteur. Im Oktober 2016, nach enormen persönlichen Fortschritten, hatte ich dann erneut die Schnauze voll von jener Plastikwelt. Ich wollte einen zweiten Versuch wagen, die Tabletten aus meinem Leben zu entfernen. Diesmal mitten im düsteren Herbst und ohne Liebelei als billige Ausrede. Wie empfohlen, ließ ich das Medikament drei Wochen lang ausschleichen und holte mir danach mein Bewusstsein zurück.

Fortan tat ich alles, um den Wegfall des chemischen Freundes möglichst gut zu kompensieren. Achtsamkeit, nützliche Skills und ein behutsamer Umgang mit mir selbst fungierten dabei als starke Verbündete. Ich ging täglich an die frische Luft, aß bunt, tanzte albern und verabschiedete mich zuletzt sogar vom Alkohol. Mittlerweile sind drei Monate vergangen, in denen das Konzept aufzugehen schien. Es fühlt sich gut an, endlich wach zu sein. Selbstbestimmt in der Realität zu stehen. Da ich nicht mehr bis zur totalen Gleichgültigkeit zugedröhnt bin, schimpfe, lache und weine ich endlich wieder, ohne dabei in Extreme zu verfallen.

Ich möchte gar nicht bestreiten, dass Fluoxetin irgendwann mal einen Nutzen in meinem Leben hatte. Dass der Weg ohne die Tabletten vielleicht noch steiniger gewesen wäre. Jetzt allerdings sind die Pillen für mich mehr Hindernis als Hilfe, denn ich konnte durch harte Arbeit, Disziplin und Achtsamkeit eine solide Basis für die Zukunft erschaffen. Ich bin gewillt und höchstwahrscheinlich auch befähigt, ab sofort alleine zu gehen. Ohne Drogen, Substitute oder sonstige Krücken.

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