Nichts ist, wie es war

Es wird nicht wenige unter euch geben, denen 2016 als Horrorjahr schlechthin in Erinnerung bleibt. Auch ich könnte etliche Dinge aufzählen, die mich in dieser Meinung bestärken. Todesfälle in der Familie und unter geschätzten Künstlern, die immer bedrohlicher werdende Spirale aus Aktion und Reaktion, bedenkliche politische Tendenzen etc. Es ist verdammt viel Mist passiert und dennoch gelang es mir, Quantensprünge in Richtung Genesung zu machen. Eigenlob ist nicht mein Ding, aber auf die erzielten Fortschritte dürfte ich wahrscheinlich ganz objektiv betrachtet stolz sein. Immer mit dabei war mein noch recht junges, enorm treffsicheres Bauchgefühl, welches selbst im tiefsten Dunkel eine Richtung weisen konnte. Das Navigieren nach Emotionen brachte mich sehr schnell viel weiter, als es zermürbende Gedankenkonstrukte je vermochten.

2014 standen bei mir vor allem Therapie und diverse Klinikaufenthalte im Vordergrund, wo ich das nötige Rüstzeug sammelte, um später auch ohne Hilfe zurechtzukommen. Wertvolle Skills, das Wissen um Achtsamkeit und eigene Bedürfnisse, den Mut mich meiner Angst zu stellen und die Courage des Neinsagens. Was anfangs noch recht gekünstelt erschien, durfte 2015 ruhig in mir wurzeln und entfaltete 2016 schließlich sein gesamtes Potenzial. Vollkommen im Alleingang und ohne jegliche therapeutische Unterstützung lud ich meine Dämonen auf eine Tasse Kaffee ein, um mit ihnen Frieden zu schließen. Als Erstes wollte ich versuchen, die Angst- und Zwangsstörungen in den Griff zu bekommen, was mir mit diversen Übungen allerdings nur leidlich gut gelang.

Hartnäckigkeit brachte mich nicht weiter, also ging ich langsamer und nachgiebiger an die Sache heran. So setzte ich den Fokus weniger auf beharrliches Reduzieren der Symptome und viel mehr auf Sanftheit mit mir selbst. Ich erlaubte mir erstmals ganz bewusst, immer mal wieder in die Falle zu tappen und nicht perfekt zu sein. Weder im Umgang mit meinen Problemen noch als Mensch selbst. Ich plante Rückfälle fest ein und nahm sie an. Nicht liebevoll, aber mit Respekt. Sie gehörten zu mir und durften ihren Platz in meinem Leben haben. Von da an ging es Schlag auf Schlag mit dem Vorankommen. Die Zwänge verringerten sich und der Umgang damit wurde immer entspannter.

Daraus resultierte ein großes Plus an Lebensqualität und Kraft, die ich wiederum nutze, um weiteren Boden gut zu machen. Im Oktober beschloss ich, meine Tabletten abzusetzen, was diesmal besser gelang. Ich war gewillt, alles zu tun, um das dadurch entstandene Defizit durch Aktivität zu kompensieren. Täglich frische Luft, Bewegung und Behutsamkeit nahmen den Platz der Pillen ein. Und wieder folgte ein Schub an Energie, der mich dem nächsten großen Vorhaben entgegentrug. Ich wollte endlich vom Alkohol wegkommen. Ob es langfristig klappt, bleibt abzuwarten, aber zwei trockene Monate kann ich mittlerweile bereits verbuchen. Dass auch diese Kurskorrektur einen Dominoeffekt mit sich brachte, muss sicherlich nicht extra erwähnt werden.

Ich bin sehr dankbar für die positive Entwicklung der letzten Monate. Dennoch ist mir klar, dass meine Kondition noch nicht auf den Prüfstand der Realität gehoben wurde. Unter anderem, weil ich derzeit den Luxus genieße, krankheitsbedingt auf Staatskosten leben zu dürfen. Wie gut ich mich bspw. mit einem fordernden Job schlagen würde, steht in den Sternen geschrieben. Bis zum „Normalzustand“ ist es noch ein weiter Weg und ich kann nur hoffen, dass mir die Gesellschaft etwas mehr Zeit gibt, um wieder Fuß zu fassen. Kleine Schritte in die Freiheit…

7 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.