Wie ich zur digitalen Ramschware wurde

Ich kenne niemanden, der in puncto Onlinedating so eine lange Geschichte vorzuweisen hat, wie ich. Schon kurz nachdem 1998 mein erster Internetanschluss stand, trieb ich mich in diversen Chaträumen und Foren herum. Zuerst nur, um gleich gesinnte Musikfans zu treffen, bald aber auch mit romantischen Absichten. „Der Megatrend im World Wide Web heißt Chatten“, schrieb das FOCUS Magazin in 2000. Als diese prophetische Weisheit verkündet wurde, war ich bereits ein absoluter Profi und konnte etliche lange Nächte am Rechner verbuchen. Warum also rausgehen und im Provinzkaff nach der Liebe des Lebens suchen, wenn sich die Anbahnung auch bequem von zu Hause aus erledigen ließ?

1999 traf ich bei RedSeven auf Johanna aus München, die nach kurzem Geplänkel tatsächlich zu Besuch in meine fränkische Heimat kam. So etwas war damals ein absolutes Novum und wurde von den meisten Menschen als vollkommen verrückt eingestuft. Trotzdem verstanden wir uns gut, zogen zwei Monate später sogar in eine gemeinsame Wohnung und blieben immerhin vier Jahre lang liiert. Danach kehrte ich natürlich sofort in die bekannten Jagdgründe zurück, um der alten Leidenschaft zu frönen. Dank Bildkontakte, eine der ersten echten Partnerbörsen Deutschlands, entdeckte ich 2003 Karina aus Berlin, die mit ihrem alternativen Erscheinungsbild erfrischend anders wirkte.

Ähnlich wie Johanna zuvor, wagte auch sie die Reise nach Kulmbach, um ein paar schöne Tage mit mir zu verbringen. Der viel zitierte Funke sprang sehr schnell über und so fand ich mich im April 2004 auf gepackten Koffern sitzend wieder. Ich hatte mich Hals über Kopf entschlossen, mein gewohntes Terrain zu verlassen, um nach Berlin zu ziehen. Eine waghalsige Idee, die rückblickend betrachtet aber zu den besten Entscheidungen meines Lebens zählt. Die Beziehung mit Karina hielt acht Jahre lang, bevor wir in den Mühlen des Alltags unseren roten Faden und letztlich die Liebe verloren. Auch Auszeiten und Comebacks änderten daran nichts, was uns spätestens 2013 beiden einleuchtete.

In der Zwischenzeit passierte enorm viel auf dem Partnerbörsenmarkt und auch die allgemeine Wahrnehmung davon verbesserte sich. Längst war es nicht mehr uncool, im Netz nach der besseren Hälfte oder unverbindlichem Sex zu fahnden. Darüber hinaus hatte die Spreemetropole im Vergleich zu Kulmbach eine schier unerschöpfliche Auswahl zu bieten, weshalb es für mich bald kein Halten mehr gab. MySpace, Facebook, OkCupid, Metalflirt, Tinder, Finya etc. Ich probierte alles aus und traf mich im Laufe der Jahre mit etlichen Frauen. Einige davon blieben ein paar Monate in meinem Leben, andere nur wenige Tage oder Stunden.

Unterm Strich waren diese Begegnungen oft positiv, spannend, lehrreich, intensiv, aber zu Ende hin auch immer traurig und extrem kräftezehrend. Namen, Biografien und Wohnung wechselten sich ab und irgendwann verstrickte sich alles zu einem großen Knäuel aus Zwischenmenschlichkeit, das sich nicht mehr entwirren ließ. Von Date zu Date vergrößerte sich die innere Leere, was jedem Opfer des oberflächlichen Großstadt-Zeitgeistes bekannt sein dürfte. „Was machst du so beruflich? In welchem Kiez wohnst du? Was kannst du dir für eine Beziehung vorstellen? Vorlieben? Musik? Film? Kinder?“ Es ging oft zu wie beim Vorstellungsgespräch, schließlich wollte jeder möglichst schnell und effektiv das beste Gegenstück ausfindig machen. Zeit ist Geld, auch in der Liebe.

Noch vor ein paar Monaten verramschte ich mich bei OkCupid, wie einen alten Fernseher, den man schnell zum halben Preis loswerden will. Neue außergewöhnliche Fotos, ein tiefsinniges Profil, witzige Mails, ich tat alles, um im Spiel zu bleiben. Woher diese verkrampfte Herangehensweise kommt, ist mir bis heute ein Rätsel. Denn eigentlich bin ich sogar ganz gerne alleine und brauche viel Zeit für mich. Zudem ist es äußerst fraglich, ob ich aufgrund der enormen Veränderungen in meinem Leben überhaupt einschätzen kann, welche Form des Miteinanders mir gut tut. Fest steht trotzdem, dass ich mir wünschen würde, endlich wieder jemanden an meiner Seite zu wissen, der auch etwas länger dort verweilen möchte.

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.