Der Feind heißt Mensch

Soziale Kontakte bedeuten für mich Stress. Mal mehr und mal weniger, aber grundsätzlich immer. Es gibt nur eine Ausnahme und das ist meine liebe Freundin Christina, bei der ich mir erlaube, ich selbst zu sein. Um an diesen Punkt zu gelangen, benötigt es Jahre des Vertrauen Verdienens. Und des „am Ball Bleibens“, bei jemandem, der sich schon wegen Kleinigkeiten wieder zurück in sein Schneckenhaus verkriecht. Darin Zuflucht sucht und alle anderen aussperrt. Der oft nur eine sehr dünne Schutzhaut hat, sensibel und distanziert ist. Dessen Komfortzone in frühester Kindheit entheiligt wurde. Der schnell lernen musste, dass der Mensch eine bösartige Kreatur sein kann.

So sehr ich mich auch freue, hin und wieder Menschen zu treffen, ohne inneren Kampf geht es nicht. Bei engen Freunden mag die Intensität weniger und bei „perfect strangers“ mehr sein, aber der Vorgang ist ähnlich. Was erwartet man von mir? Sehe ich gut genug aus, um mein Gegenüber nicht lächerlich zu machen? Welche Beweggründe hat die Person für ein Treffen? Wo liegt für sie der Gewinn darin? Will mich jemand instrumentalisieren oder ausnutzen? All diese Fragen stelle ich mir schon längst nicht mehr bewusst, aber unter der Oberfläche sind sie nach wie vor präsent. Wer im Kriegsgebiet aufwächst, wird auch in Friedenszeiten misstrauisch bleiben. Egal, wie lange die Waffenruhe andauert.

Wie bereits in meinem Buch „Ein Leben in der zweiten Reihe“ erwähnt, stamme ich aus einem Haushalt, in dem Gewalt keine Seltenheit war. Gegen meinen Bruder, meine Mutter und mich. Ausgeführt von dem zwei Meter großen Tyrann, der sich Vater schimpfte. Ich wurde um eine sichere Kindheit betrogen. Um Wärme, Liebe und angstfreies Wachsen. Schon die ersten Weggefährten in meiner Welt haben mich verraten. Ließen mich zu einem Gebrandmarkten werden, der Tiere liebte und Menschen hasste bzw. vorsichtig aus der Ferne beobachtete.

Seit diesen Tagen ist viel passiert. Ich eignete mir hervorragende soziale Kompetenzen an, um stets Herr der Lage zu bleiben. Um fortan die Fäden in der Hand zu halten und nie mehr ohnmächtiger Zuschauer zu sein, der nicht einmal verhindern konnte, dass sein großer Bruder regelmäßig Prügel bezog. Wer mich heute trifft, würde niemals auch nur erahnen, welche Probleme mir ein längerfristiges Miteinander immer noch bereitet. Schließlich sitzt die Maske aus scheinbarer Eloquenz, Humor, Ironie und vorgegaukelter Selbstsicherheit perfekt, was den Blick auf das Wesen dahinter unmöglich macht. Gelernt ist eben gelernt.

Ob ich noch mal jemanden finden werde, der mir genug Zeit gibt, um mich zu öffnen? Ich zweifle stark daran. Mit jedem verstreichenden Jahr mache ich persönliche Fortschritte und akzeptiere meine autistisch anmutende kleine Einmenschwelt mehr. Dementsprechend geringer und halbherziger werden die Versuche der Kontaktaufnahme. Ich bin es leid, eine Episode an die andere zu heften und ständig neue Scherben aufkehren zu müssen. Die Sehnsucht nach Beständigkeit lässt sich nicht mehr länger auf zwangloses Vögeln und Filme schauen herunterhandeln. Trotz oder gerade wegen all der Furcht in mir.

Bis auf Weiteres bleibe ich der unbekannte Blogger, dessen Texte zwar ganz unterhaltsam sind, den aber kaum jemand wirklich zu Gesicht bekam. Dem man auf der Straße begegnet ohne ihn wahrgenommen zu haben. Ein Schatten unter vielen. Jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft und das ist meiner. Nicht immer auf der Sonnenseite, aber wind-, wetter- und krisenfest. Stilles Existieren im Geschrei der Großstadt.

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