Das Jahr ohne Sonne

Im Februar verfasste ich den Artikel „Nichts ist, wie es war“, in dem persönliche Fortschritte des Jahres 2016 dokumentiert sind. Ich konnte tatsächlich einiges an meiner Situation verbessern und Boden gutmachen, was natürlich jeder lesen sollte. Anfang 2017 wendete sich das Blatt dann jedoch wieder, denn es traten physische Schmerzen auf den Plan, die mich circa vier Monate begleiteten. Zudem begann ich im März, nach dreizehn Wochen Abstinenz, wieder mit dem Trinken. Danach ging es dann Schlag auf Schlag. Meine Angststörung erreichte ab April neue Höhepunkte und vernichtete beinahe alles, was ich mir an Lebensqualität zurückerobert hatte. Jeder noch so kleine Schritt in die Öffentlichkeit war mit bizarren Befürchtungen verbunden und auch zu Hause verfolgte mich die Dunkelheit bis in den Schlaf.

All das kostete alleine schon Unmengen an Energie, jedoch sollte noch weitaus mehr auf mich einprasseln. So meldete sich im Frühling das Jobcenter wieder und schickte mich zu zwei Amtsärzten, um den derzeitigen Stand meiner Arbeitsfähigkeit zu beurteilen. Mit rasenden Ängsten im Kopf konnte ich die Termine nur unter größter Anstrengung wahrnehmen. Doch ich schaffte es. Danach fand ich genau zwei Tage Ruhe, bevor meine geliebte Katze Monika im Juni überraschend eingeschläfert werden musste. Im Juli wurde dann bei Malerarbeiten das Fenster eingeschlagen und ein Unwetter bescherte mir obendrein einen Wasserschaden in der Wohnung.

Im August zwang mich das Jobcenter völlig ohne vorherige Ankündigung dazu, einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen. Um den Beweis der Antragsstellung zu erbringen, gewährte man mir ganze zehn Tage und drohte bei Nichterfüllung mit der kompletten Sperrung der Bezüge. Anstatt mich von diesem Damoklesschwert jedoch final niederstrecken zu lassen, tat ich, was ich immer tue, wenn die Welt in Flammen steht: Ich funktioniere. Zwanghaft vielleicht, aber effektiv. So arbeitete ich mich binnen drei Tagen in die wunderbare Welt der Deutschen Rentenversicherung ein und füllte eigenhändig 42 Seiten Formulare aus. Durch Angst, Trauer, Schmerz und Isolation kämpfte ich mich voran, ohne an alledem zu krepieren.

Darüber hinaus reichte meine Kraft sogar noch, um die Therapeutensuche endlich wieder aufzunehmen. Seit den Klinikaufenthalten im Jahr 2014 befand ich mich nicht mehr in Behandlung und es war höchste Zeit, hier anzuknüpfen. Nach diversen Fehlschlägen fand ich im Juni eine kompetente und empathische Ärztin, mit der die Chemie sofort stimmte. Diese Tatsache ist für mich bisher das einzig Positive an einem durch und durch finsteren Jahr, welches noch nicht durchgestanden ist. Die hohe Taktzahl der Ereignisse gab mir bisher keine Gelegenheit, um neue Kraft zu schöpfen oder das Erlebte adäquat zu verarbeiten.

Obendrein sind noch etliche bohrende Fragen unbeantwortet. Werde ich die Grundsicherung vom Jobcenter verlieren? Wie lange kann ich es mir überhaupt noch leisten, in Berlin zu wohnen? Wann gesellt sich zum blanken Überleben endlich wieder etwas Licht, Freude und Hoffnung? Muss ich den Rest meiner Tage alleine durch diese Welt gehen? Die Zukunft mag sicherlich Antworten parat halten und die eine oder andere davon wird mir nicht gefallen. Derzeit bin ich einfach nur müde, orientierungslos und emotional vereinsamt.

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