Liebesgrüße aus der Leistungsabteilung

Am 29. August erreichte mich ein Brief vom Jobcenter, der mir den Boden unter den Füßen wegzog. Eigentlich bin ich von jener Institution einiges gewohnt und lasse mich auch durch den scharfen Ton ihrer Schriftstücke nicht mehr allzu lange aus der Ruhe bringen. Bis zu dieser annähernden Gelassenheit war es jedoch ein langer Weg. Und an besagtem Dienstagmorgen konnte davon keine Rede sein. Denn im gewohnt nüchternen Amtsdeutsch verlangte die Leistungsabteilung diesmal einen Nachweis der Antragsstellung auf Erwerbsminderungsrente. Dafür hatte ich eine Frist von 12 Tagen und bei Nichterfüllung drohte man mir mit den üblichen Strafmaßnahmen bis hin zur Totalsanktion. Wie vom Donner gerührt stand ich minutenlang still in meiner Küche und gab mich den schlimmsten Katastrophenszenarien hin. Würde ich auch diesen neuen Kampf noch durchstehen?

Ich konnte es nicht beantworten. Klar war nur, dass ich im Vorfeld weder von meiner Fallmanagerin noch von irgendeiner anderen Person überhaupt aufgefordert wurde, einen derartigen Antrag auszufüllen. Nachdem ich im Juli zwei Termine bei Amtsärzten hatte, um meine Arbeitsfähigkeit festzustellen, stand das Auswertungsgespräch im Jobcenter erst am 29. September an. Die Offenbarungen des ersten, scheinbar völlig planlosen Mediziners, spotteten jeder Beschreibung. So sprach er zwar von einer „kranken Seele“ und wunderte sich über meinen stressbedingten hohen Blutdruck, konnte aber sonst kaum sachdienliche Hinweise geben. Dafür musste erst ein zusätzliches Gutachten eingeholt werden, was eine weitere schwer zu bewältigende Reise durch Berlin bedeutete.

Zurück zum schwarzen Dienstag im August. Nachdem ich mich einigermaßen gefangen hatte, rief ich beim Jobcenter an, um zu erfahren, was genau ich nun tun sollte. Dort wurde mir eigentlich nur der Inhalt des Briefes noch einmal vorgelesen. Wieso, weshalb, warum? Wusste niemand. Mein zweiter Anruf ging dann direkt an die Deutsche Rentenversicherung, zur Anforderung der benötigten Unterlagen. Hier verwies man mich von einer Dienststelle zur anderen und sagte mir, dass das selbstständige Ausfüllen kaum zu schaffen sei, weil es sich um eine viel zu komplexe Angelegenheit handele. Ohne Beratungstermin ginge gar nichts und den gebe es frühestens in vier Wochen. Ein Blick auf die Frist verdeutlichte, dass mir so viel Zeit nicht blieb. Nach einigen Bitten konnte ich die Dame am Telefon tatsächlich dazu überreden, mir die Vordrucke dennoch zuzusenden, um mein Glück alleine zu versuchen.

Wenige Tage später lagen dann über 40 Seiten Papier vor mir, die wohl selbst den akribischsten Buchhalter herausgefordert hätten. Ich las mich aber schon vorher grob in die Thematik ein und kramte etliche Unterlagen heraus, die das Ausfüllen erleichtern könnten. Geburtsurkunde, Ausbildungsvertrag, Gesellenbrief, Arztbescheide und vieles mehr wurde kopiert. In einem vierstündigen Kraftakt bearbeitete ich gefühlte tausend Fragen, die mich nicht selten an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachten. Trotz wütender Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen und totaler Erschöpfung funktionierte ich maschinengleich, bis der gesamte Papierkram im geschlossenen Umschlag vor mir lag. Der innere Control Freak macht es möglich.

Doch es muss auch deutlich gesagt werden, dass etliche psychisch Kranke nicht über derartige Skills verfügen und immer wieder Existenzen in den Mühlen des Systems zerbrechen. Auch deshalb, weil Behörden viel zu oft Aufrichtigkeit und Hilfsbedürftigkeit der Kunden grundlos infrage stellen. Ihnen Simulantentum unterstellen, sie mit bösartigen Schriftstücken bombardieren oder absurde Fristen setzen. Zustände, die für gesunde Menschen schon schwer zu ertragen wären und alle anderen vollkommen aus der Bahn werfen können. Totale Isolation und sozialer Abstieg sind nur zwei mögliche Folgen. Je weniger Betroffene sich wehren, desto besser funktioniert das perfide Spiel.

Seit der Antragstellung sind nun über drei Monate ins Land gezogen, die ich mit bangem Warten verbrachte. Jeder Gang zum Briefkasten macht mir Angst und die Ungewissheit bezüglich meiner Zukunft nagt täglich an mir. Und sollte tatsächlich ein positiver Bescheid eintreffen, dann wäre die zu erwartende Rente weit unter dem Existenzminimum, weshalb ich zusätzlich Sozialhilfe beantragen müsste. Also noch mehr auszufüllendes Papier und weitere Behördengänge. Ob ich mich danach endlich ein paar Monate lang auf die Therapiearbeit konzentrieren darf, bleibt abzuwarten.

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