Weihnachten für Einzelgänger

Seit nun mehr acht Jahren verbringe ich die Weihnachtstage alleine bei mir zu Hause. Was für andere immer noch ein absolutes No-Go ist, wurde in meinem Leben längst schon zur Gewohnheit. Mit Schrecken erinnere ich mich an Zeiten zurück, in denen ich im Kreise der Familie eine Farce der Glücksseligkeit feierte, die deprimierender nicht sein konnte. Als Kind ging das Ganze noch irgendwie, weil man sich auf Geschenke fokussierte und den faden Beigeschmack weniger wahrnahm. Die einzige Zusammenkunft nach meinem 18. Geburtstag mutierte dagegen zur tränenreichen Katastrophe voller Heuchelei. Wenn sich hinter einer hauchdünnen Schicht aus Besinnlichkeit der Müll meterhoch stapelt, lässt sich das eben nur schwer ausblenden.

Ein wenig versöhnlicher stimmten mich dagegen die Festlichkeiten zwischen 2004 und 2009, die ich meistens mit meiner damaligen Freundin und ihrem Sohn verbrachte. Einmal waren wir sogar bei den temporären Schwiegereltern zu Gast, und selbst dieses gewagte Experiment sollte gelingen. Seit der Trennung und meinem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung ergab sich für mich keine Gelegenheit mehr, irgendwo mitzufeiern. Die ersten paar Jahre alleine waren sehr hart. So lief ich am 24.12. schon mal ziellos durch den Großstadtkiez und blickte tieftraurig in die dekorierten Fenster der Nachbarn. Trotz eines schier unerträglichen Gefühles der Isolation litt ich heimlich und ließ meine Freunde davon nichts wissen.

Im Laufe der letzten Jahre wich diese Melancholie aber mehr und mehr einer friedlichen Akzeptanz und ich begann, das Positive an meiner Lage zu sehen. Weder muss ich zwanghaft bei irgendwelchen Veranstaltungen erscheinen, noch Menschen mit Geschenken beglücken, die sie sowieso nicht brauchen. Generell gibt es zwischen dem 24.12. und dem 26.12. bei mir keine festgelegten Riten, sondern nur das, was dem eigenen Flow zuträglich ist. Ich genieße es, dass der Herzschlag Berlins sich für ein paar Tage verlangsamt und die Straßen oft beinahe menschenleer sind. Hin und wieder kaufe ich mir selbst eine Kleinigkeit, bestelle leckeres Essen oder trinke guten Wein. Manchmal gibt es aber Heiligabend auch nur Stulle mit Käse.

Wer sich an derart bedeutungsschwangeren Tagen von allen Erwartungen befreit, schärft nicht nur den Blick für kleine Dinge, sondern macht auch eigenen Bedürfnissen Platz. Diese kommen im ganzen Abarbeiten von Terminen und Brauchtümern sehr oft zu kurz, was mir nicht mehr passiert. Grundsätzlich sehe ich kaum Sinn darin, ein christliches Fest zu begehen, wenn ich dieser Religion weder angehöre noch ihr größere Sympathie entgegenbringe. Völlerei und Konsum kann ich auch betreiben, ohne den Geburtstag eines mir fremden Predigers aus dem Westjordanland zu zelebrieren. Da Weihnachten schon lange nicht mehr vorrangig für Nächstenliebe und Menschlichkeit steht, verpasse ich mit Sicherheit nicht viel.

Dennoch verstehe ich durchaus, warum diese Jahreszeit auch auf nichtgläubige Erwachsene so eine Anziehungskraft hat. Entschleunigung, Sozialisierung und vielleicht auch das Prinzip Hoffnung besitzen schließlich auch für mich enorme Strahlkraft. Viel mehr hat man einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät, ja nicht entgegenzusetzen. Einen speziellen Anlass dafür brauche ich aber dennoch nicht. Darüber hinaus habe ich für klerikale Gesänge und Kirchgänge wenig übrig und beschäftige mich lieber mit Filmklassikern wie „Black Christmas“ oder den Konflikten der Familie Hoppenstedt. Denn früher war sowieso mehr Lametta!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.