Gedanken eines zynischen Raumfahrers

Mein Leben trug schon immer surreale Farben. Vieles in den letzten 40 Jahren erschien mir unwirklich und diffus, als hätte ich es in einem Film gesehen oder Büchern entnommen. Im Gegensatz dazu standen diverse Träume, die wesentlich greifbarer waren. Deren süßliches oder bitteres Aroma ich beinahe auf der Zunge schmecken konnte. Die mich nachhaltig beeinflussten, sei es im Guten oder im Schlechten. Zugegebenermaßen kam das nicht allzu oft vor, aber darum geht es mir auch gar nicht. Vielmehr möchte ich das Augenmerk auf den ersten Teil dieser Einleitung legen. Nämlich darauf, dass ich der täglichen Realität nicht mehr glauben oder trauen kann. Weder bringt sie mich näher an meine Umwelt, noch kann sie Zuversicht oder Perspektiven liefern.

Nun könnte ich den Alltag einfach anders gestalten, um mich selbst darin verstärkt wiederzuerkennen und greifbare Werte einzufahren. Doch all das versuchte ich bereits, ohne mein Verhältnis zur scheinbaren Wirklichkeit dadurch zu verbessern. Ich lebte in Beziehungen, Wohngemeinschaften oder alleine, hatte mal reguläre Jobs und mal keine Arbeit, war früher immer mittendrin und bin heute nur noch bestenfalls am Rande dabei. All diese verschiedenen Modelle vereint ein gemeinsamer Nenner: Das nebulöse Gefühl, nirgends etwas Echtes zu erfahren. Verstärkt wurde es noch durch eine lange Reihe von Ereignissen, die an sich schon so grotesk und bizarr waren, dass sie selbst den größten Rationalisten zweifeln ließen.

Auch verschiedenste zwischenmenschliche Kontakte ermöglichten es nicht, von diesem Empfinden abzuweichen. Es gelang mir bestenfalls temporär, auf den Zug der Wachen aufzuspringen und ein paar Runden mitzufahren. Wenn überhaupt. Meist jedoch blieb ich am Gleis zurück und sah andere mit Koffern voller Geschichten über den nächsten Urlaub, die neue Liebe oder den nervigen Job davonbrausen. Während der Weg von Freunden immer nach außen ging, führte meiner stets nach innen. Ich tauchte ab in ein Meer aus Filmen, Musik, Philosophie und all dem, was ich mühevoll im Laufe der Zeit zusammenklaubte. Dinge, die mir in meiner fieberhaften Suche nach Antworten von Nutzen waren, oder einfach nur einen Moment der Ruhe und Geborgenheit boten. Das Wort Eskapismus wurde bewusst vermieden, weil es nutzlos ist, wenn man sich bereits in einem derart fortgeschrittenen Stadium des Limbo befindet.

Ich fühlte mich in dieser Welt nie gut aufgehoben oder heimisch, was zum großen Teil daran liegen mag, dass mich hier niemand wirklich willkommen hieß. Aufgewachsen in tristen Verhältnissen, als „Unfall“ bezeichnet und ohne familiäre Bezugsperson. Nicht zuletzt deshalb begann ich schon sehr früh mit der Konstruktion eines Raumschiffes aus Gedanken, welches es mir ermöglichen sollte, dem freudlosen Alltag zu entfliehen. Dieses Vehikel erwies sich schnell als ungeahnt funktionstüchtig und erlaubte mir immer längere Reisen hinaus ins All. Zwar hielt ich den Kontakt zur Bodenstation bis heute mehr oder weniger aufrecht, doch die Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Erdgebunden wurden dennoch immer größer. Ich möchte übrigens ausdrücklich erwähnen, dass meine Trips durch die Weiten des imaginativen Kosmos niemals unter Einfluss von Drogen stattfanden. Nein, ich bin keineswegs ein verstrahlter Kiffer, dem der Bezug zur Realität abhandengekommen ist.

Vielmehr würde ich mich als sehr wachen, nüchternen Geist bezeichnen, der ein für alle Mal den Glauben an die Matrix verloren hat. Dem ein repetitiver Kanon aus Fressen, Ficken, Konsumieren, Arbeiten und Schlafen viel zu eindimensional anmutet. Und bei Weitem zu wenig Substanz bietet, um darauf ein ganzes Menschenleben aufzubauen. Mein Vater sagte immer, dass die Mehrheit die Norm definiert. Wenn diese Norm nun tatsächlich auf oben genannten Aktivitäten basiert, dann bin ich lieber verloren in Raum und Zeit, anstatt ein Teil des Ganzen zu werden. Es erscheint mir tatsächlich ertragreicher, sich in einer unterbewussten, emotionsgeleiteten Dimension zu verlieren. Selbst dann, wenn der Architekt darin viele Gebäude mit dem Mörtel meines Kindheitstraumas erschaffen hat. Denn alternativ bleibt nur die allgemeingültige Authentizität eines aus den fugen geratenen Planeten. Auf dem das Kali Yuga wütet und allerorten Geistesgifte wie Hass, Neid, Habsucht oder Eitelkeit freigesetzt wurden. Und mal ehrlich: Wer möchte hier schon dauerhaft sein Dasein fristen?

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