Vier Jahre, meine Mutter und ich

Als Mutter zum letzten Mal vor mir stand, war ich schwerst depressiv und in nervöser Aufbruchsstimmung. Denn nur einen Tag nach ihrer Ankunft in Berlin machte ich mich auf den 500 Kilometer langen Weg zur Rehaklinik. In den ersten Wochen wollte Mama meine Katzen hüten und die Spreemetropole ausgiebig erkunden, was sie auch tat. Das war im März 2014. Seither vergingen beinahe vier Jahre, in denen ich zwar regelmäßig mit ihr telefonierte, sie aber nicht zu Gesicht bekam. Dabei trennen uns gerade mal dreieinhalb Autostunden. Mehrfach fragten mich Freunde und Bekannte, warum wir uns so selten sehen und genauso oft erzählte ich von den Ängsten und anderen widrigen Umständen. Es hatte einfach nicht sein sollen.

Was, wenn ich die 72 Jahre alte Frau vielleicht nie mehr in die Arme schließen kann? Wenn es irgendwann einfach zu spät ist? Fragen, die ich mir im Laufe des letzten Jahres immer häufiger stellte. So lange, bis Mutter vor drei Monaten verkündete, dass sie bereit für einen weiteren Besuch wäre. Ehrlich gesagt hatte ich damit schon lange nicht mehr gerechnet, weshalb das Ganze einigermaßen überraschend kam. Doch sie sollte Wort halten, und so blickte ich am 11. Dezember endlich wieder in ihre Augen. Auch aus der Distanz erkannte ich sie sofort, als sie aus dem Bus stieg und in meine Richtung lief. Vorsichtig, etwas ängstlich und schüchtern, aber dennoch entschlossen. Eine kleine liebenswerte Person, der im Leben nie etwas geschenkt wurde. Die das Schicksal stets still und geduldig annahm und kaum mehr verlangte, als ein bisschen Glück.

Vor uns lagen sieben gemeinsame Tage, in denen wir viel redeten, Ausflüge unternahmen, lachten und alltägliche Momente teilten. Immer wieder verblüffte mich Mutter mit ihrem Wissen über das Berliner Tagesgeschehen und einer generellen Begeisterungsfähigkeit. Ich wiederum konnte ihr mit Nähtutorials von YouTube weiterhelfen und zumindest ein paar Fertiggerichte schmackhaft machen. Auch wenn es manchmal anstrengend war, ergänzte man sich irgendwie, und mir fiel auf, wie ähnlich wir uns in etlichen Dingen sind. Zwei freundliche Sonderlinge, die sich oft selbst infrage stellen, aber dennoch ihre Identität gefunden haben. Trotz vieler Ängste mutig, neugierig und hoffnungsvoll. Überlebende, die immer noch im Spiel sind.

Die Zeit verging wie im Fluge, und ehe ich es mich versah, standen wir zum zweiten Mal am Busbahnhof, um Abschied zu nehmen. Wie gewohnt bin ich jetzt wieder alleine in meiner Wohnung, wo es plötzlich sehr still ist. Das unermüdliche Geschnatter meiner Mutter fehlt irgendwie, und auch die Wärme ist mit ihr gegangen. Ohne viel dafür zu tun, verwandelte sie meine kärgliche Behausung in ein gemütliches Heim, das viel einladender und behaglicher als sonst wirkte. Wie ihr das gelang, vermag ich nicht zu sagen. Ebenso wenig, wie ich selbst etwas Ähnliches bewerkstelligen könnte. Vielleicht gibt sie mir beim nächsten Telefongespräch ein paar nützliche Tipps, die sogar ein Junggeselle umzusetzen vermag.

Wann ich Mutter wiedersehe, steht in den Sternen. Meine Angststörung macht es mir derzeit immer noch unmöglich, größere Reisen anzutreten. Darüber hinaus kann ich nicht bei den Eltern übernachten, weil das Verhältnis zu Vater vollkommen kaputt ist. Irgendwo sollte ich aber eine Bleibe finden, wenn ich zurück in die Heimat kann. In jedem Fall dürfen bis zum nächsten Treffen nicht wieder Jahre vergehen. Die Zeit ist erbarmungslos und wartet auf niemanden. Ich habe schon zu viele letzte Abschiede erlebt, um noch einmal so hoch zu pokern.

Ein Kommentar

  • Ich musste die ganze Zeit lächeln, als du über Deine Mama geschrieben hast. Die Angst, dass sie irgendwann nicht mehr da ist, kenn ich gut. Man sollte für jeden Tag dankbar sein.

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