Es ist kalt geworden in Berlin

Berlin war noch nie eine Stadt, die Menschen sofort mit offenen Armen empfing. Ganz im Gegenteil, wer hier längerfristig seine Zelte aufschlagen möchte, muss schon einen langen Atem und jede Menge Selbstständigkeit mitbringen, um irgendwann wirklich anzukommen. Jenseits des Partyrummels, der Trends und Aufgeregtheit liegt nämlich ein riesengroßes Brachland aus Unverbindlichkeit, das jeder früher oder später durchschreiten muss. Zumindest dann, wenn man sich nicht zeit seines Lebens mit oberflächlichen Bekanntschaften und schneller Bedürfnisbefriedigung begnügt. Grundsätzlich war das hier schon immer so, nur hat sich jene Bedeutungslosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich in den letzten paar Jahren drastisch verstärkt. Eine Erkenntnis, die ich mit etlichen Leuten aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten teile.

Mir persönlich offenbarte sich diese Entwicklung zuerst beim Online Dating, das ich immer noch mit wechselndem Enthusiasmus betreibe. Was hier mittlerweile für Maßstäbe herrschen, ist an Traurigkeit kaum zu überbieten. Und das gilt keineswegs nur für Tinder, denn längst haben sich auch auf anspruchsvolleren Austausch spezialisierte Webseiten wie OkCupid dem Trend angepasst. Nachdem das Durchwischen der unzähligen Profile bereits ein Burn-out verursacht, kommt bei bestehendem Match die Kür der Kontaktaufnahme. Hier muss man nun möglichst schnell performen, denn Zeit ist Geld und es stehen noch etliche weitere Kandidaten in der Warteschleife.

Hervorragendes Aussehen ist natürlich von Vorteil, selbstverständlich kombiniert mit sozialem Status, Weltgewandtheit, einer lupenreinen Vita und keinerlei Ecken, Kanten oder gar Altlasten. Wie man es in 35 bis 45 Jahren zum altersweisen Teilzeitbuddhisten bringen soll, ohne dabei Schrammen davonzutragen oder Fehler zu machen, ist mir allerdings schleierhaft. Viele Suchende wollen einfach alles, sind aber nicht gewillt, dafür Zeit zu investieren, sich festzulegen oder selbst ähnlich hochtrabende Ansprüche zu erfüllen. Die Eier legende Wollmilchsau findet man eben auch im total ermüdenden Überangebot der Großstadt nicht an jeder Straßenecke. Schon gar nicht, wenn bereits zwei Zentimeter an fehlender Körpergröße zum absoluten No-Go für die festgefahrenen Anforderungen werden.

Nun könnte man mutmaßen, dass diese Art der Kontaktanbahnung per se von Oberflächlichkeit bestimmt ist, und es offline deutlich feinsinniger zugeht. Doch auch hier sprechen meine Erfahrungen leider eine ganz andere Sprache. So nahm ich kürzlich am ersten Treffen einer Gruppe von hochsensiblen Personen teil, die gerade jene Austauschbarkeit explizit anprangerten und sich einen behutsameren Umgang wünschten. Ich war begeistert, endlich Gleichgesinnte zu treffen, welche ganz bewusst andere Wege einschlagen und Änderungen herbeiführen wollten. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich keinen der Teilnehmer jemals wiedersehen sollte. Da aber bereits der zweite Termin mangels Interesse abgesagt wurde und der dritte mit völlig anderen Menschen stattfand, musste ich mich eines Besseren belehren lassen.

Es ist mir durchaus bewusst, dass der gestresste Großstädter einen prall gefüllten Terminkalender besitzt und ich über deutlich mehr Zeit verfüge als andere. Dennoch wird sich aber nur dann etwas in unserer Gesellschaft ändern, wenn wir selbst einen Teil dazu beitragen. Wenn wir zumindest ein Stück weit zu dem werden, was wir da draußen gerne vorfinden würden. Wenn wir wieder mehr in die Tiefe und weniger in die Breite oder Höhe streben. Wenn Ecken, Kanten und auch Narben nicht mehr als Makel, sondern endlich als Feature erkannt werden. Als wunderbare kleine oder große Farbtupfer, die bereichern und den Einheitsbrei zum schmackhaften Hauptgericht machen. Unsere individuelle Persönlichkeit ist eines der höchsten Güter auf Erden. Lasst sie uns feiern, heiligsprechen und schamlos genießen!

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