Brief an meinen Vater

Hallo Vater,

ich habe lange überlegt, ob ich dir diesen Brief schreiben soll oder nicht, weil es unterm Strich ja doch nichts ändert. Dennoch bin ich der Meinung, dass du wissen solltest, was Sache ist. Es geht mir hier nicht um Schuldzuweisungen oder Ähnliches, sondern lediglich darum, dich mal ein bisschen in meine Welt mitzunehmen. Ich erwarte gar nicht, dass du antwortest, denn dazu fehlt dir sicherlich der Mut. Vielmehr glaube ich, dass wir uns in diesem Leben nie mehr sprechen oder sehen werden. Ich habe keinen Vater mehr und genau genommen hatte ich nie einen.

Nun zum Wesentlichen in Kürze: Du hast mir die Kindheit und Jugend zur Hölle gemacht. Das Schlimmste waren nicht mal deine gelegentlichen Gewaltausbrüche mir gegenüber oder die Kälte und Ignoranz. Das Schlimmste war, dass ich Zeuge wurde, wie du meinen Bruder und auch Mutter misshandelt hast. Von jungen Jahren an musste ich ohnmächtig zusehen, wie ein zwei Meter großer Tyrann seine Familie drangsaliert, einschüchtert und in Panik versetzt. Ich konnte nicht helfen, denn ich war noch viel zu klein. Ich musste nur dastehen und zuschauen. Die Hilflosigkeit hat mir das Herz gebrochen und das Miteinander, das ich durch deine boshafte Art erduldete, prägt mich bis heute.

Ich lebe immer noch in täglicher Furcht. Manchmal stehe ich früh auf und mein Herz rast vor Angst. Dazu kommt eine generelle Trauer und Perspektivlosigkeit, die mich beinahe zu Boden reißt. Ich bin 40 Jahre alt, habe bisher nichts Nennenswertes erreicht und muss mich für meine Probleme regelmäßig von Ämtern, Gutachtern etc. demütigen lassen. Privat scheine ich kaum zur Bindung mit anderen Menschen fähig, eine liebevolle Beziehung ist mir deshalb versagt. Ich sitze wöchentlich beim Therapeuten, war in diversen Kliniken, Gruppen etc., nur um endlich etwas Licht zu sehen und ein kleines bisschen Freude zu empfinden. Um diese bleierne Schwere für einen Moment ablegen zu können. Oder auch nur, um mich über Wasser zu halten. Was für andere ganz selbstverständlich ist, muss ich mir hart erkämpfen.

Die Versäumnisse in der Kindheit, der Mangel an Liebe und das gewalttätige Umfeld damals haben ein Loch in meine Persönlichkeit gerissen, das niemals mehr genäht werden kann. Grundsätzliche Bedürfnisse eines jeden Menschen wurden mir nicht mitgegeben, weshalb meine Realität auch heute noch feindselig, trist und düster wirkt. Kurzum, dein Jähzorn, die Gewalttätigkeit, das Brüllen und deine Gemeinheiten hallen unaufhörlich in mir wider. Jeden Tag, bis ich irgendwann mal sterbe. Und ja, manchmal wünsche ich mir das Ende. Denn ich kann nicht mehr. Meine Kräfte sind aufgebraucht und die Prognosen ernüchternd. Aber Sorge dich nicht, denn ich werde keine Dummheiten machen und damit die Leute zum Tratschen bringen. Die weiße Weste nach außen hin war dir ja immer sehr wichtig.

Vater, ich würde dir wünschen, nur einen Tag in meinen Schuhen laufen zu können. Zu erleben, wie es sich anfühlt, in eine kalte Welt geworfen worden zu sein. Wie schwarz die Dunkelheit ist und wie schwer die Gewichte an meinen Füßen sind. Doch das geht nicht, weshalb ich es in diesem Brief schildere. Ich hege keinen Zorn mehr gegen dich und fordere weder Wiedergutmachung noch Reue. Nur eines ist mir wichtig: Du musst verstehen, dass dein Werk bleibende Schäden hinterlassen hat. Und dass man, wenn man ein guter Mensch sein will, irgendwann dafür geradestehen sollte. Andernfalls ist man ein Feigling.

Gruß, Stefan

Ein Kommentar

  • Stefan, ich glaube, du bist mit diesem Brief gerade einen riesigen Schritt gegangen, denn du hast dir etwas offen von der Seele geschrieben, das dringend notwendig war. Eine Konfrontation mit dem, was bzw. demjenigen, der deine Seele nachhaltig geschädigt hat und dich zu dem gemacht hat, was du bist.
    Was ich lese, ist nicht nur ein offener Brief, sondern ein Stück weit auch ein Befreiungsschlag.

    Meine ‘Misshandlungen’ waren damals eher die Gleichgültigkeit auf der einen Seite (was meine Wünsche und Bedürfnisse betraf) und der Kontrollwahn auf der anderen (also mich so zu Formen, dass ihnen das einen Vorteil jegwelcher Art verschaffen konnte). Von den vielen Vertrauensbrüchen und dem Schlechtreden hinter meinem Rücken möchte ich gar nicht erst anfangen.

    Ich musste mich erst von meinen Eltern radikal trennen (ab 2005) und überhaupt erst mal verstehen, wer ICH eigentlich bin.

    Und bis auf meine Frau und unsere beiden Mädels habe ich auch keinen Menschen mehr gehabt, dem ich bedingungslos vertraut habe oder dem ich mich zu hundert Prozent anvertrauen sollte.

    Ich ziehe meinen Hut vor Dir.

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