Rückblick Teil 1 – Licht und Schatten

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Auch mir waren diese löblichen Absichten einmal keineswegs fremd, nur liegt das schon gefühlte 293 Jahre zurück. Mindestens. Es fällt mir schwer zu sagen, wann ich die einstige Motivation über Bord warf, und das Pferd von hinten aufzuzäumen begann. Eine genaue Zeitbestimmung ist sicherlich unmöglich, da es sich hier um schleichende Prozesse handelt, die nicht über Nacht ihre Vollendung fanden. Im Jahr 1997 kannte ich jedenfalls noch so was wie hehre Ziele und wollte eigentlich nach dem unrühmlichen Abgang aus meinem Lehrbetrieb nur drei Monate pausieren, dann in den Zivildienst starten und darauf eine berufliche Karriere einschlagen, wie sie eines Kleinstadtbürgers gebührt. Doch es sollte anders kommen. Ganz anders.

Dabei fing in meinem Leben alles so gut an. Als ich 1977 in der fränkischen Provinz das Licht der Welt erblickte, gab es noch nicht das kleinste Anzeichen für Anomalitäten. Dass ich es nie in die erste Reihe des Lebens schaffen sollte und letztlich auch nicht wollte, ahnte damals niemand. Als Baby bestach ich vor allem durch unscheinbare Mittelmäßigkeit bis ins Detail und scherte weder in Größe, Gewicht noch Essgewohnheiten aus. Ich schlief so lange wie andere Säuglinge, ich schrie so oft wie andere Säuglinge und ich sah auch ebenso zerknautscht wie die Newcomer-Kollegen aus. Meine Mutter wiederholt sich bis zum heutigen Tage gebetsmühlenartig mit einem Satz, der mir nachhaltig im Gedächtnis blieb: »Der Junge wurde doch so behütet aufgezogen!«

Wie Sie, lieber Leser, sicherlich schon an dieser Stelle bemerken, schwingt in den nahezu prophetischen Worten ein nicht gerade geringer Anteil an Resignation und Unverständnis mit. Unverständnis für den Weg, den ich wählte und Unverständnis für die Persönlichkeit, die aus dem behüteten Frankenjungen geworden ist. Mutter ist ein guter Mensch, aber sie konnte besagte Entwicklung ebenso wenig nachvollziehen, wie viele andere meiner Verwandten. Wenn man an kleinbürgerliche Maßstäbe gebunden ist, was ich auch immer noch zu einem Teil bin, dann springt man nicht einfach wie ein Akrobat über seinen Schatten und erreicht die Quadratur des Kreises.

Doch zurück zu den Anfängen des ganzen Elends. 1977 war die Welt noch in Ordnung, und die ersten Jahre meines irdischen Daseins absolvierte ich ohne größere Auffälligkeiten und mit durchaus bemerkenswerter Motivation. So brachte ich den Kindergarten zügig hinter mich, indem ich mit Leidensgenossen beispielsweise tolldreiste Feuergefechte inszenierte. Hierfür wurden eigens Waffen angefertigt, die aus Bausteinen bestanden. Nach und nach drehten wir dabei stark an der Dramatikschraube unserer kleinen Aufführungen, und auch die basteltechnische Expertise verlagerte sich hin zu komplexeren Schnellfeuerwaffen und Sturmgewehren.

Dass wilde Rollenspiele, die sich thematisch von der hochdramatischen Geiselnahme bis hin zum Shootout im Wilden Westen erstreckten, den mehr oder weniger ambitionierten Kindergartentanten schnell ein Dorn im Auge sein würden, war klar. Um ein Ausufern des Spektakels zu vermeiden, machte man besagte Bausteinsorte allen Anwesenden – Sippenhaft gab es schon früher – fortan ausschließlich freitags zwischen 13.00 und 15.00 Uhr zugänglich. In dieser kurzen Zeit mussten die Waffennarren unter uns natürlich einiges nachholen, weshalb die Jurisdiktion nur wenig später unsere favorisierten Bausteine komplett aus dem sonst so harmonischen Kindergartenalltag entfernte.

Am Rande sei bemerkt, dass mich diese kleine Anekdote als Teenager dazu bewog, einen Song namens „Massenmord im Kinderhort“ zu schreiben, der später auch aufgenommen wurde und sich zum Liveklassiker entwickeln sollte. Wirklich nutzlos ist eben kaum etwas im Leben. Ein waschechter Konformist war ich schon damals nicht, soviel steht fest. Ich zweifelte Autoritäten, besonders ungerechtfertigte, gerne an, wenngleich ich anfangs noch selten ernsthaft gegen meine „Vorgesetzten“ aufbegehrte. Einem Fünfjährigen hätte in diesen Tagen aber ohnehin keiner zugehört, wenn er sich vehement für die Lockerung des Waffengesetzes im Kleinstadtkindergarten engagieren würde.

Generell verlief das Leben in den Achtzigern für einen Vorschüler aus der fränkischen Provinz gänzlich anders als heutzutage. Auch wenn Prügelstrafen in Schulen schon geraume Zeit passé waren, wurde der körperlichen Züchtigung im häuslichen Bereich noch ein hoher Stellenwert eingeräumt. So sind mir etliche schlaue Sprüche wie der von der Ohrfeige, welche vermeintlich noch keinem schadete, in bester Erinnerung. Was das Befürworten von derart altbackenen und schlichtweg falschen Weisheiten für Blüten trug, konnte ich seinerzeit häufig in aller Öffentlichkeit mit ansehen. Beispielsweise störte sich 1984 so gut wie niemand daran, wenn man seinem Sprössling an der Kaufhauskasse eine schallende Backpfeife verpasste. Ganz im Gegenteil, der mehrheitliche Tenor fiel sogar eher zustimmend aus und manifestierte sich in Worten wie »Der wird es schon verdient haben.«

Wenn wir nun ein solches Szenario in die Jetztzeit verlegen, dann müssen wir sicherlich nicht bis ins linksliberale Prenzlauer Berg gehen, um tosende Stürme der Entrüstung auszulösen. Wo heute praktisch schon das Jugendamt in der Tür steht, klatschte man damals eher noch Beifall. Diese rüden Begebenheiten hinterließen bei nicht wenigen Vertretern meiner Generation körperliche und seelische Narben, welche sie ihr Leben lang belasten. Jene Klientel hat es im zwischenmenschlichen und beruflichen Sektor oft wesentlich schwerer als Personen aus intakten, liebevollen Familien. Jede kleine Normalität muss sich hart erkämpft werden und ein Schritthalten mit Freunden oder Kollegen ist meist unmöglich bzw. mit größten Anstrengungen verbunden.

Ohne jetzt irgendjemandem die Schuld geben zu wollen, was sowieso nichts an der bestehenden Situation ändern würde, muss ich sagen, dass auch ich einer wenig intakten Sippe entstamme. Das Schicksal sprang mit mir zwar deutlich gnädiger um als mit meinem zehn Jahre älteren Bruder, dennoch knabbere ich bis heute an den Versäumnissen unserer Erzeuger. Mein Zuhause war geprägt von seelischer und emotionaler Kälte, die vor allem von Vater ausging. Dieser sah sich leider selten imstande, auch nur die kleinste positive Gefühlsregung zu vermitteln oder einem den nötigen Trost und Mut zuzusprechen. Ein Lob vernahm ich aus dem Mund meines Vaters nie, was mich dazu anspornte, in allem immer besser werden zu wollen, um endlich das so sehnlich erhoffte Feedback zu bekommen. Später entwickelte sich dieses Streben zu einem teilweise krankhaften Perfektionismus, der mich nicht selten an den Rand des Ruins trieb und nur mit viel Mühe gezähmt werden konnte.

In Hinsicht auf menschliche Nähe, war von meinen Eltern ebenfalls kaum etwas zu erwarten. Kein liebevolles Streichen über die Wange, kein Gutenachtkuss, nichts. Durch diese anerzogene Distanziertheit habe ich noch heute große Probleme damit, meine Mutter zu umarmen, weil es sich einfach vollkommen gestellt und falsch anfühlt. Bei Freunden und Bekannten verhält es sich ähnlich, was mich oft dazu veranlasst, Berührungen die über einen profanen Handschlag hinaus gehen, tunlichst zu vermeiden. Dieses Verhalten wird von Mitmenschen schnell als generelle Abneigung fehlinterpretiert, und bringt mich manchmal in unangenehme Erklärungsnöte.

Dass Vater über emotionale Regungen verfügte, zeigte er im Negativen hauptsächlich durch die Misshandlungen meines Bruders Ludwig. Wenn ich mich recht entsinne, wurde ich schon im Alter von fünf oder sechs Jahren mehrfach Zeuge von gewalttätigen Übergriffen des jähzornigen Familienoberhauptes. Dabei ging der großgewachsene, kräftige Mann nicht zimperlich vor und schlug den völlig verängstigten Ludwig etwa gegen den Heizkörper oder verdrosch ihn mit der festen Sohle seines Hausschuhs. Nicht selten jagte er meinen Bruder durch die gesamte Wohnung, um ihm in irgendeiner Zimmerecke schließlich seine Abreibung zu verpassen. Die Gründe für jene barbarischen Züchtigungen waren fast immer Nichtigkeiten oder kleinere Vergehen, welche vielleicht zwei, drei Tage Hausarrest, aber niemals diese drakonischen Maßnahmen rechtfertigten.

Es hat mir damals das Herz zerrissen, all dies aus der passiven Zuschauerperspektive mit ansehen zu müssen, ohne Ludwig irgendwie helfen zu können. In Hollywood mag ein kleiner verschüchterter Junge vielleicht reelle Chancen im Kampf gegen übermächtige Feinde haben, in der Wirklichkeit jedoch blieb ein ganz ähnlicher Bursche nur wie angewurzelt stehen und konnte sich die Tränen nicht verkneifen. Warum meine Mutter damals nie eingriff und das Schlimmste verhinderte, verstand ich erst, als ich zum ersten und einzigen Mal beobachten musste, wie Vater auch auf sie losging. Unter lautem Gebrüll rannte die zierliche Frau damals durch die Wohnung und versuchte in ihrer Verzweiflung sogar hinter mir Schutz zu finden, weshalb mein Vater schließlich von ihr abließ.

Die folgenden panischen Worte hallen noch heute durch meine Ohren, als wären sie gerade erst verklungen: »Hilfe, er schlägt mich blutig. Hilf mir!« Um den Ernst der Lage abzumildern, behauptete der Hausherr später, dass er nur aus Spaß ein Geschirrtuch nach ihr warf. Eine stark blutende Wunde im Gesicht meiner zitternden Mutter entlarvte jene Aussage jedoch schon im Vorfeld als genau die gottverdammte Lüge, welche sie unterm Strich war. Ich hatte noch nie zuvor in meinem jungen Leben eine derartige Ohnmacht und Hilflosigkeit gespürt wie an diesem dunklen Dezembertag.

Sie war also genauso Opfer wie mein Bruder, und auch Vater war sicherlich irgendwann mal eines gewesen. Das hat ihn wohl zu dem zerrissenen und verzweifelten Tyrann werden lassen, der tief drinnen auch in mir schlummerte. Nach all den Geschehnissen und einigen wenigen Prügeln, welche auch ich von ihm bekam, hasste ich diesen Menschen mein halbes Leben lang inbrünstig. Irgendwann schließlich wich das Gefühl einer Gleichgültigkeit, die bis heute andauert, und mit der ich mittlerweile selbst Ludwig beziehungsweise Mutter gegenübertrete. Obgleich noch Kontakt zu ihnen besteht, ist es mir egal, was sie denken, was sie tun, was sie lassen, wie sie leben und warum sie überhaupt noch hier sind. Im Gegenzug scheinen die beiden aber auch keine allzu starke Bindung zu mir zu haben, weshalb schon tätowierte Arme und ein Nasenpiercing ausreichen, um Abstand zu nehmen. »Ich schäme mich für dich!«, sagte mir Mutter noch vor ein paar Jahren ins Gesicht. Klare Worte, die Bände sprachen.

Wenn man mich fragte, was ich denn mittlerweile für meine Familie empfinde, dann würde ich wohl „Mitleid“ antworten. Mitleid für Mutter, die ihr Leben lang klein gehalten wurde und nie die Freiheit hatte, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen oder ihre Träume zu erfüllen. Mitleid für Vater, der vor den Trümmern seiner jämmerlichen Existenz steht und selbst mit den größten Anstrengungen die Wahrheit nicht mehr verdrängen kann. Und auch Mitleid für Ludwig, der seelische Qualen erleiden musste und vielleicht in einem anderen Leben mein Freund geworden wäre. In diesem jedenfalls bleibt er für mich ein Unbekannter, den ich genau genommen gar nicht kennenlernen will.

Die Gefühlskälte ist ohne Zweifel ein Souvenir aus den Anfängen und zieht sich durch weite Teile meines Lebens. In ihrer Hochphase konnte ich selbst langjährige Freunde ohne mit der Wimper zu zucken hinter mir lassen, und sie durch scheinbar passendere oder für mich nützlichere Personen austauschen. Nie mehr wollte ich diese Ohnmacht aus Kindertagen spüren und setzte fortan alles daran, immer am längeren Hebel zu sitzen. Ich entschied, wann sich eine Freundschaft oder eine Beziehung anbahnte und ich legte fest, wann das Aus kam. Wenn eine Figur auf meinem Schachbrett nicht so funktionierte, wie ich es wollte, wurde sie radikal und ohne Vorwarnung aus dem Spiel befördert. Falls dies nun das Ergebnis meiner ach so behüteten Aufzucht ist, dann wäre mir eine gänzlich andere Gangart im Nachhinein doch besser bekommen.

Um dem heimischen Chaos zu entfliehen, verbrachte ich bereits in frühester Kindheit sehr viel Zeit bei meiner geliebten Oma Kathi, die für mich eine Art Ersatzmutter wurde. Sie stellte ein waschechtes fränkisches Mädel dar, und hatte zusammen mit ihrer Zwillingsschwester im Heimatdorf so etwas wie Promistatus inne. Die herzensguten Seniorinnen schienen schon immer hier gewesen zu sein, und wurden von allen Bewohnern gleichermaßen gemocht. Es war aber auch ein Bild für die Götter, wenn man Oma, ihre Schwester und deren Mann Erich, an warmen Tagen auf der Bank im Hof von Erichs bäuerlichem Anwesen sitzen und sich angeregt unterhalten sah.

Da jener Hof ziemlich zentral lag und eine der wenigen bedeutenderen Dorfstraßen direkt daran vorbeiführte, verirrten sich nicht selten Besucher hierher, für die stets der vierte und letzte Platz auf der Bank reserviert blieb. Bei Kaffee und Kuchen oder abends gerne auch mal einem Glas Bier, besprach man in dieser friedlich-idyllischen Umgebung die neusten Gerüchte, verglich Krankheitsbilder und analysierte kleinere Problemchen. Egal ob Herr Heiert mal wieder betrunken aus der Kneipe geschmissen wurde, Frau Meisel jetzt schon den zweiten Liebhaber hinter dem Rücken des Ehemanns konsultierte, oder der arbeitsscheue Heinz nach nur zwei Stunden seinen neuen Job quittiert hatte: Hier wusste man immer zuerst darüber Bescheid.

:: –> Teil 2

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