Rückblick Teil 2 – Das Ende der Unschuld

Auch ich war oft auf der Bank zu Gast, die für mich fast schon Symbolcharakter besaß und einen Ort des harmonischen Miteinanders darstellte, welches mir sonst eher nicht geboten wurde. Oma verehrte Altbundeskanzler Kohl, kochte leckeres Essen, trug immer eine knallbunte Kittelschürze und war nie um die eine oder andere kecke Anekdote verlegen. Obwohl ich ihr so manchen Kummer bereitete, war sie mir Zeit ihres Lebens wohlgesonnen und verwöhnte mich mit frisch gepflückten Erdbeeren, schmackhaftem selbstgebackenen Kuchen und etlichen weiteren Dingen, die das Leben erst lebenswert machen.

Da selbst eine hartgesottene Frau wie sie, die 1907 geboren wurde und somit zwei Weltkriege durchstand, nicht das ganze Jahr über auf einer Bank sitzen konnte, werkelte sie recht häufig in ihrer kleinen Wohnung herum. Diese befand sich im Obergeschoss von Omas Elternhaus und bildete vor allem durch die kleine gemütliche Wohnstube eine weitere beliebte Anlaufstelle für mich. Besagtes Haus war ihr Eigentum, jedoch vermachte sie es schon zu Lebzeiten der Tochter Helene, die nichts Besseres zu tun hatte, als unverzüglich das Architekturbüro ihres Mannes Gernot im Erdgeschoss einzuparken.

Gernot präsentierte sich als unbeherrschter, arroganter und überheblicher Kotzbrocken, der mich sehr an meinen Vater erinnerte, und für den ich kaum Sympathie empfand. So werde ich besonders jene kleine Geschichte nie vergessen, die das Innenleben Gernots wohl am trefflichsten charakterisiert. Es muss ein Montagnachmittag gewesen sein, als ich nach der Schule mal wieder bei Oma zum Mittagessen vorbeischaute. Da mir der Magen in der Kniekehle hing, stellte ich meinen Schulranzen und den obligatorischen Pausenkakao im Flur des Erdgeschosses ab und rannte die Treppen hinauf Richtung Kochtopf.

Wenige Minuten später vernahm ich ein Grummeln, welches sich schnell in ein Brüllen steigerte und mich zurück ins Erdgeschoss hechten ließ. Dort stand Gernot mit zornesrotem Gesicht und schrie in meine Richtung: »Das ist hier ein Architekturbüro und kein Müllplatz. Hier kommen Kunden rein und da kann ich den Mist nicht gebrauchen!« Dabei zeigte er auf meinen Ranzen und den Kakao, nur um Sekunden danach mit voller Wucht dagegenzutreten, was das milchhaltige Süßgetränk in hohem Bogen durch den Flur segeln ließ. Eine bodenlose Frechheit, die ich ihm nie verziehen habe und welche die Chance für das freundschaftliche Koexistieren der Parteien im Keim erstickte.

Die Tatsache, dass Gernot auch meine Oma oft arg unpassend anherrschte, verbesserte das gespannte Verhältnis dabei keineswegs, sollte aber lediglich der Auftakt für eine viel größere menschliche Sauerei sein, die allen Beteiligten den Weg in den Himmel auf ewig verwehrt. So wurde sehr schnell klar, dass sowohl das Büro von Gernot als auch Helenes Job nicht genügend Geld in die Kasse spülten, um den herrschaftlichen Lebensstil, welchen das Pärchen ins Auge fasste, zu finanzieren. Anscheinend hatten sie sich beim Bau des mit protzig nur unzulänglich beschriebenen Eigenheims, das direkt neben Omas Haus stand, deutlich übernommen. Bevor nun von dem auffälligen Palast nur noch der Edelholz-Türknopf übrig bleiben sollte, welcher sogar mit den Clan-Initialen versehen war, galt es schleunigst eine neue Einnahmequelle zu finden.

Da für Gernot und vor allem Helene trotz ihrer angeblich christlichen Werte die Begriffe „Anstand“ sowie „Dankbarkeit“ anscheinend Fremdwörter waren, beschloss man, die Wohnung meiner Oma kurzerhand zu vermieten. Um Platz für die neuen zahlenden Gäste zu schaffen, wurde Kathi ohne mit der Wimper zu zucken aus ihren Räumen aus- und in den Fitnesskeller der benachbarten Villa einquartiert. Ich war selbst anwesend, als man die paar Habseligkeiten von Oma ausräumte, und jene einst so lebenslustige Frau ihr Elternhaus, in dem sie beinahe neunzig Jahre verbrachte, für immer verlassen musste.

Nie, aber wirklich niemals, werde ich den Ausdruck in ihren Augen vergessen, als sie sich ein letztes Mal in der nun leeren Wohnstube umblickte und danach stumm aber tapfer den düsteren, zugestellten Keller bezog. In diesem Moment starb etwas in ihr und es dauerte keine drei Jahre, bis auch das letzte Flämmchen Lebensmut erlosch und der Alterskrebs sie für immer von mir nahm. Zuvor jedoch gingen Erich und kurz danach Kathis geliebte Schwester von dieser Erde, weshalb die einst so gut besuchte Bank immer leerer wurde, bis ich schließlich alleine dort saß.

Die Beerdigung von Oma zählte zu den schlimmsten Gängen meines Lebens und war für mich damals kaum zu ertragen. Um nicht lauthals loszuheulen, riss ich mich während der gesamten Zeremonie so gut es ging zusammen und versuchte an irgend etwas anderes zu denken, was natürlich kaum möglich war. Als die engsten Angehörigen dann gegen Ende der Feier am Grab standen und allen voran Helene die aufrichtig Trauernde spielte, konnte ich einfach nicht mehr an mich halten und rannte weinend davon. Mein Vater bewog mich später mit vielen guten Worten, doch noch zum sogenannten Leichenschmaus mitzukommen, wo die Gäste traditionell bei Kaffee und Kuchen zusammenkamen. Alleine der Name dieses widerwärtigen Brauches könnte makabrer nicht sein, und ließ mich schon damals sehr am intakten Geisteszustand der Gesellschaft zweifeln.

Erstmals wirklich mit dem Tod in Berührung kam ich jedoch schon ein Jahr bevor Kathi – von wem auch immer – heimgeholt wurde. Der Verlust eines geliebten Menschen ist immer schmerzhaft, aber bei Oma konnte man nach der ärztlichen Diagnose zumindest absehen, dass ihre Zeit auf Erden nur noch sehr begrenzt sein würde. Gänzlich anders verhielt es sich da im Falle des Freitodes meines Schulfreundes Reinhard, welcher aus heiterem Himmel über uns hereinbrach. Der stets höfliche und ruhige junge Mann, teilte mit mir nicht nur die Leidenschaft für Heavy Metal, sondern hatte ähnlich wie ich auch ein Brettrollenspiel-Faible.

Nachdem wir unsere Interessen während der Pausen mehrfach in angeregten Unterhaltungen austauschten, lud ich ihn kurzerhand zu mir nach Hause ein. Da Reinhard ein Neueinsteiger in Sachen Stromgitarrenmusik war, und ich diesbezüglich schon einiges an Wissen mein Eigen nannte, stellte ich ihm nach und nach die absoluten Favoriten vor, was auf sichtbare Begeisterung stieß. Wenige Wochen später hatte sich Reinhard ebenfalls eine kleine Sammlung zugelegt, weshalb ich des Öfteren auch bei ihm aufkreuzte, um Alben zu tauschen oder diese auf Kassetten zu kopieren.

Darüber hinaus veranstalteten wir mit drei weiteren Schulkollegen regelmäßige Treffen, um unserer Rollenspielvorliebe zu frönen und die neusten Abenteuer aus der „Das schwarze Auge“-Reihe zu bestreiten. Bei den Meetings wurden aus uns unscheinbaren Kleinstadtkids mächtige Zauberer, Krieger oder Elfenpriester, die unerschrocken durch eine Fantasiewelt streiften und jeden noch so großen Drachen problemlos in die Flucht schlugen. Rückblickend wird mir klar, dass vor allem Reinhard diese temporäre Realitätsflucht nutzte, um sein ungeliebtes Ich hinter sich zu lassen und eine weitaus idealisiertere Form anzunehmen.

Wo während unserer Duelle ein athletischer, von holden Frauen umgarnter Held das Schwert schwang, blieb Reinhard im wirklichen Leben meist schüchtern und mit gesenktem Kopf in einer Ecke stehen, ohne sich an sein fiktives Pendant zu erinnern. Diese zurückhaltende Art unterschied ihn wohl am meisten von mir oder den anderen Schülern, und verwehrte Reinhard die sehnlichst gewünschte Freundin sowie einen zentralen Stellenwert innerhalb der Klasse. Obwohl ich nüchtern betrachtet nur in wenigen Dingen anders als er war, und mit Sicherheit in keinen davon besser, schien Reinhard in meiner Person ein Idealbild zu sehen. In seinen Augen hatte ich alles, was er sich auch wünschte, aber nie bekam.

Einmal sprach Reinhard im Schulbus sogar ganz offen darüber und sagte mit trauriger Stimme: »Ach Stefan, du hast es echt verdammt gut. Du spielst in einer Band, bist überall beliebt und kommst auch noch bei den Mädels an. Ich beneide dich.« Völlig entgeistert von dem überraschenden Statement blickte ich ihn an, suchte kurz nach den passenden Worten und erwiderte: »So gut nun auch wieder nicht! Über meine Band lacht die ganze Stadt, und wenn ich so beliebt wäre, hätte man mir gestern keine Prügel angedroht. Und was die Mädchen angeht, kann ich dir mitteilen, dass mich Sonja letzte Woche verlassen hat. Wegen Ralf, dem dummen Arschloch!«  Augenblicklich mussten wir lachen und haben danach nie mehr über etwas derartiges gesprochen.

Zum letzten Mal lebend sah ich Reinhard an einem Freitag in der Schule. Wir verabredeten uns noch, um am darauffolgenden Samstag wieder ein paar Platten anzuhören, aber es kam nie zu dem Treffen, weil einer von uns keine Zeit hatte. Am Montag blieb Reinhards Platz in der Schule leer, dennoch dachte niemand etwas Böses, schließlich liegt jeder mal krankheitsbedingt ein paar Tage im Bett oder macht blau. Als nachmittags dann bei mir Zuhause das Telefon klingelte und ein Freund mich fragte, ob ich denn sitze, konnte ich nicht ahnen was er mir gleich erzählen würde.

Laut seiner Schilderungen fuhr Reinhard an diesem Morgen mit dem Fahrrad zum örtlichen Bahnhof, legte den Rucksack ab, schloss das Rad sorgsam wie immer am dafür vorgesehenen Platz fest und wartete. Doch Reinhard wollte nicht verreisen oder einen Verwandten abholen, nein, er wollte sterben. Irgendwann kam der nächste Zug in Sichtweite und mein Freund machte die paar schicksalhaften Schritte, die ihn vom Tode noch trennten, sprang auf die Gleise und wurde augenblicklich aus seinem und unser aller Leben fortgerissen. Dieses viel zu frühe Verglühen einer jungen Seele erschütterte mich bis in meine Grundfesten und war gleichbedeutend mit dem Ende der Unschuld sowie des Gefühls der Unsterblichkeit, das mich bisher begleitete.

Ähnlich wie ein Jahr später bei Oma, sollte auch die Trauerfeier von Reinhard zur provinziellen Farce verkommen, die mich unglaublich wütend machte und dem Menschen nicht annähernd gerecht wurde. Allen voran steigerte sich der missionarisch übereifrige Pfarrer, welcher den Nachruf auf Reinhard hielt, in einen schwachsinnigen Monolog hinein, der vor klerikaler Propaganda nur so strotze. Seiner Meinung nach wäre Reinhard durch den negativen Einfluss dämonischer Rockmusik vom rechten Wege abgekommen, und dadurch in einen Zustand der Todessehnsucht manövriert. Des Weiteren hätten sich seine Freunde nach und nach von ihm abgewandt, weil sie zunehmend Berührungsängste mit der Musik verspürten, weshalb nur noch die blasphemischen Gruppen als Ersatz übrigblieben.

Es war unglaublich, mit welcher Überzeugung diese moralische Instanz von seiner Kanzel herunter geiferte und dabei ein völlig verzerrtes Bild von jemandem zeichnete, den er gar nicht kannte, und der nicht mehr die Stimme besaß, um zu widersprechen. Dummerweise sah der Diener Gottes weder die leuchtenden Augen von Reinhard, wenn wir unsere Sessions abhielten, noch war er dabei, als wir Partys feierten und fröhlich zu den Klängen von Sepultura, Reinhards Lieblingsband, durch die Bude rockten. Hätte der engstirnige Priester nur einem dieser Momente des puren Lebens beigewohnt, wäre sein gnadenloses Urteil vielleicht ein anderes gewesen, und der vermeintliche Schuldige irgendwo in unserer kranken Gesellschaft ausgemacht worden.

Um nicht den Zorn der Trauergemeinde auf mich zu ziehen, hielt ich mich innerhalb der Kirche mit Widerworten zurück, und harrte aus, bis die heilige Inquisition endlich ihren Mund schloss. Wenig später blieb mir nur noch, Reinhard die letzte Ehre zu erweisen und ihn an das Grab zu begleiten. Seine Ruhestätte befindet sich unter einem kräftigen Baum, der im Sommer Schatten spendet und im Winter Schutz vor den Gewalten der Natur bietet. Noch während ich diese Zeilen schreibe, geht mein Blick an jene Zimmerwand, wo ein Foto von Reinhard hängt, das mich jeden Tag aufs Neue daran erinnert, was für ein feiner Kerl er war.

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