Rückblick Teil 3 – Diabolus in Musica

Bevor wir nun noch weiter vom eingeschlagenen Weg abweichen, werde ich wieder chronologisch fortfahren. So kam nach dem Hort die Einschulung, und auch jene wurde von mir nicht gerade herbeigesehnt. Schon zwei Wochen vor dem ersten Schultag beschlich mich ein äußerst ungutes Gefühl, das sich potenzierte, je näher der gefürchtete Termin rückte. Trotz allem Gezeter und vieler Tränen, fand ich mich letztlich vor der riesenhaft erscheinenden Schulpforte wieder, die mich zusätzlich einschüchterte. Da waren sie also mal wieder, die Anlaufschwierigkeiten, welche mir schon zuvor im Kindergarten begegneten. Auf Anhieb läuft recht wenig rund, und unbekannte Situationen fordern mir stets eine Menge ab.

Da selbst der massivste Widerstand die bestehende Schulpflicht jedoch nicht in Luft auflöste, stellte ich mich gezwungenermaßen der Herausforderung. Irgendwann kam ich innerhalb des neuen Umfelds zurecht, und entwickelte mich überraschenderweise zum Musterschüler. Obschon meine damalige Gewissenhaftigkeit und der überzogene Ehrgeiz aus der Not heraus erwuchsen, halfen sie auf diesem Sektor natürlich dennoch weiter. Jedenfalls war ich die ersten Schuljahre eifrig bei der Sache, und erledigte alle Aufgaben stets mit Hingabe und Akribie. Das Schulkind Stefan hatte seine Hausaufgaben immer parat, lernte brav auch die stumpfsinnigsten Gedichte auswendig, und stellte vordergründig ein echten Kameraden für seine Mitschüler dar.

Hinter den Kulissen bildete sich aber auch die emotionslose, kalte und berechnende Ader Stück für Stück aus, welche mich schon früh manipulativ handeln ließ, und zu einem Agitator reinsten Wassers machte. Man kann eben das eine nicht haben, ohne das andere zu billigen. Später verfeinerte ich dieses Geschick noch erheblich, und erzielte dadurch entscheidende Vorteile. Dabei ging ich mit zunehmender Übung so subtil vor, dass meine Mitmenschen, wenn überhaupt, erst viel zu spät bemerkten, dass ich sie für meine Zwecke einspannte. Am Ende vom Lied strich ich nicht selten ungerechtfertigt die Lorbeeren ein, während ein anderer ebenso ungerechtfertigt den Tadel kassierte.

In der Grundschule wurden die ersten Feldversuche in puncto Manipulation an einem nicht gerade sehr hellen Klassenkollegen durchgeführt, der seinen Mangel an Argumentationsmöglichkeiten gerne mit Fäusten ausglich. Unter Verwendungen einiger handfester Lügen, konnte ich diesen Zeitgenossen mehrmals davon überzeugen, unliebsamen Gestalten eins auf die Mütze zu braten oder das Pausengeld zu klauen, welches ich dann heimlich in Empfang nahm. Was danach folgte, lief stets in ähnlichen Bahnen ab: Der drangsalierte Schüler beichtete den Übergriff seiner Lehrerin, und mein Versuchskaninchen bekam die 398. Strafarbeit aufgebrummt. Dies veranlasste ihn, zu mir zu kommen und sein Leid zu klagen, woraufhin ich einen bunten Strauß an neuen Versprechungen auftischte, und den armen Tropf wieder ans Werk schickte. Das Leben kann einem übel mitspielen, wenn man sich mit den falschen Leuten einlässt, sage ich Ihnen.

Wann sich der vermeintliche Primus zum faulen Hund wandelte, vermag ich rückblickend nicht mehr genau zu sagen, aber es muss wohl parallel zum Wechsel von der Grundschule in die Realschule passiert sein. In dieser Zeit traten zwei Leidenschaften in mein Leben, die den Fokus von einst komplett verschoben, und sicherlich ihr Scherflein zum frühen „Karriereknick“ beitrugen. Das eine Laster war die holde Weiblichkeit, welches ich mittlerweile im Griff habe, und das andere, die Musik in all ihren Facetten. Und hier möchte ich etwas ausholen…

Die innige Liebe zum Wohlklang stellte sich urknallartig im Jahr 1988 ein, und hatte ihren Ursprung in einem Besuch des örtlichen Einkaufscenters, zusammen mit meiner Mutter. Da ich damals über etwas Taschengeld verfügte, und mich im zarten Alter von elf Jahren sehr für Hörspielkassetten interessierte, wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um meine Sammlung zu erweitern. Aufgrund einer kleinen Unachtsamkeit landete jedoch keine Folge von „John Sinclair“ oder „Die drei ???“ im Einkaufskorb, sondern das damals aktuelle Album der britischen Heavy Metal Legende Iron Maiden. Ich werde den Moment nie vergessen, als ich „Seventh Son Of A Seventh Son“ erstmals ins Kassettendeck eingelegte. Der anfängliche Ärger ob des Fehlkaufes wich binnen kürzester Zeit einer grenzenlosen Euphorie, die ich in meinem bisherigen Leben noch nicht kennengelernt hatte. Schon der heißblütige Opener „Moonchild“ mit seinem beschwörenden Intro, versetzte mich in einen Freudentaumel, der auch heute noch aufkommt, wenn die richtigen Songs aus der Anlage dudeln.

Von jenem Zeitpunkt an gab es für mich kein Halten mehr. Wann immer sich die Gelegenheit bot, zog ich los um weitere Kassetten von Iron Maiden zu besorgen, die schnell das Interesse an Hörspielen gänzlich einschlafen ließen. Selbst meine bis dato vorherrschende Leidenschaft für „Star Wars“- oder „Masters Of The Universe“-Spielzeugfiguren ebbte spürbar ab. Im Laufe der Zeit hielt dann eine kleine Kompaktanlage im Kinderzimmer Einzug, und ich sattelte auf Schallplatten um, da das Kassettenformat auf dem absteigenden Ast war. Die ersten Vinylschätze, die ich für circa zehn Mark pro Stück kaufte, oder mir von Freunden meines großen Bruders geschenkt wurden, welche über einen gediegeneren Geschmack als er verfügten, stammten von Bands wie AC/DC, Witchfynde, Deep Purple, Alice Cooper und Black Sabbath. Später kamen auch härtere Acts wie Deicide, Sabbat, Sepultura und Cannibal Corpse, beziehungsweise danach völlig genrefremde Künstler aus komplett anderen Richtungen hinzu.

Wenn ich allerdings einen einzigen Musiker nennen sollte, der mich am frühesten, meisten und nachhaltigsten beeinflusste, dann würde zweifellos der Name John Denver fallen. Die Alben des 1997 verstorbenen Songwriters drehten bereits weit vor dem Jahr 1988 auf dem Plattenteller meines Vaters ihre Runden, und weckten schon im frühkindlichen Gemüt tiefe Emotionen, welche mich immer noch zum Weinen bringen können. Die von Denver manchmal etwas zu naiv besungenen Themen wie Harmonie, Naturverbundenheit und Rückbesinnung auf essentielle Dinge, besitzen gerade in der heutigen Zeit große Relevanz. Ideale, die es für mich noch in ihrer Gänze zu erreichen gilt.

Trotz seiner wahrhaft aufrechten Lyrik und dem unermüdlichen Engagement für bessere Zustände, war er lebenslang ein innerlich zerrissener und unsteter Geist, was durchaus Tragik in sich birgt. Dieses Schicksal teilt der Künstler mit etlichen bedeutenden Persönlichkeiten, die viel für das „Gute“ getan haben, aber an den eigenen Dämonen zugrunde gingen. Wenn ich auch nie ein Livekonzert miterlebte, oder ihn gar kennenlernen durfte, habe ich John Denver enorm viel zu verdanken. Ich bin fest davon überzeugt, dass er, wo immer er auch weilen mag, seinen Frieden gefunden hat.

Nun jedoch zurück zur puren Heavy-Metal-Mania, die mich in den Teenagerjahren mächtig auf Trab hielt, und natürlich in Konflikt mit meinen konservativen Eltern brachte. »Der Junge wird Satanist!«, hörte ich Mutter entsetzt ausrufen, nachdem sie mit ihrem leidlich gut Englisch verstehenden Ehegatten einen Teil meiner Plattensammlung sorgsam auf unkeusche Inhalte untersuchte. Dazu muss ergänzend gesagt werden, dass jene Erzeuger in etwa so viel von Okkultismus wissen, wie ich von der Initiierung und Intensivierung bilateraler Kooperationen. Da es Bands wie Venom, Satan (klarer Fall!) oder Hellhammer dank plakativster Covergestaltung und deutlicher Songtitel aber auch dem weniger gebildeten Zeitgenossen einfach machten, die selten wirklich ernst gemeinten Botschaften zu erfassen, konnte ein Urteil schnell gefällt, und der negative Einfluss auf mich klar attestiert werden. Und ab hier fing die Geschichte an, weniger lustig zu werden.

Nach einigem Vorgeplänkel nahm der Ärger mit strengen Auflagen für den Kauf von Bandshirts seinen Lauf. Ich schmökerte schon damals ausnehmend gerne in Musikpostillen wie „Metal Hammer“, die seinerzeit tatsächlich noch etwas mit Heavy Metal zu tun hatte, „Horror Infernal“ oder „Rock Hard“. Diese enthielten neben etlichen mehr oder weniger professionellen Interviews und Plattenvorstellungen auch Werbeanzeigen, in denen heiß begehrte T-Shirts feilgeboten wurden, welche man als echter Fan unbedingt haben musste. Wie es der Zufall wollte, kamen bei mir hauptsächlich jene Shirts in die engere Auswahl, die mit den fiesesten Motiven versehen waren, und diabolisch grinsende Monster, Schädel, Blut oder Kriegsszenarien zur Schau stellten.

Genau diese Leibchen sollten es aber sein, die meinem Vater ein ganz besonderer Dorn im Auge waren, und im wahrsten Sinne des Wortes untragbar erschienen. Unser Konflikt führte oft zu sehr bizarren Diskussionen, in denen ich versuchte, die Designs als sozialkritische Aussagen oder das Anprangern von Missständen zu verkaufen, während mein Herr Papa das Ganze als „abscheulichen, perversen Dreck“ bezeichnete. Nicht selten wurde mir so ein gehöriger Strich durch meine angepeilte Bestellung gemacht, und harmlosere Klamotten von Bands wie Bon Jovi oder Poison vorgeschlagen, die einem im Kreise der Mitmetaller aber nur hämisches Gelächter einbrachten.

Zu allem Überfluss gab es, was meine hochgeschätzte „Kutte“ anging, zahlreiche Meinungsverschiedenheiten. Wen dieser Begriff nun in erster Linie an das Gewand eines beleibten Betbruders im Kloster erinnert, dem sei kurz erklärt, worum es sich hier überhaupt handelt: Die Kutte ist nichts anderes als eine Jeansjacke mit möglichst vielen, und möglichst provokativen Aufnähern von etlichen harten Bands, an der oft zusätzlich Nieten oder Ketten angebracht sind. Dieses modische Utensil gehört selbstredend zur Standardausrüstung eines jeden echten Metallers, und durfte auch bei mir nicht fehlen. Farbenfrohe Patches für das angepeilte Kleidungsstück konnte ich vor allem auf den regelmäßig stattfindenden Jahrmärkten ergattern, wo neben Töpfen, Essen, Süßigkeiten und anderem Tinnef, gelegentlich einige wenige rockkompatible Artikel zu finden waren.

Dass ich so gar nicht zwischen die alten und noch älteren Damen passen sollte, welche nach neuen Kittelschürzen oder einer praktischen Allzweck-Haushaltsreibe fahndeten, störte mich nicht im Geringsten. Mein Ziel stellte stets der Verkaufsstand des vietnamesischen Händlers Chim dar, welcher neben billigen Bootlegshirts auch die benötigten Stoffteile für besagte Jacke im Angebot hatte. Nach einigen Besuchen konnte ich circa zwanzig davon zusammentragen, und mich nun an das Aussuchen des wesentlich größeren Rückenaufnähers machen, was natürlich erhebliche Zeit beanspruchte. Hier wollte ich nichts dem Zufall überlassen, denn schließlich sollte dieser das Prunkstück meiner Kutte sein, welches auch auf größere Entfernung deutlich zu sehen ist.

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