Brief an meinen Vater

Hallo Vater,

ich habe lange überlegt, ob ich dir diesen Brief schreiben soll oder nicht, weil es unterm Strich ja doch nichts ändert. Dennoch bin ich der Meinung, dass du wissen solltest, was Sache ist. Es geht mir hier nicht um Schuldzuweisungen oder Ähnliches, sondern lediglich darum, dich mal ein bisschen in meine Welt mitzunehmen. Ich erwarte gar nicht, dass du antwortest, denn dazu fehlt dir sicherlich der Mut. Vielmehr glaube ich, dass wir uns in diesem Leben nie mehr sprechen oder sehen werden. Ich habe keinen Vater mehr und genau genommen hatte ich nie einen.
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Es ist kalt geworden in Berlin

Berlin war noch nie eine Stadt, die Menschen sofort mit offenen Armen empfing. Ganz im Gegenteil, wer hier längerfristig seine Zelte aufschlagen möchte, muss schon einen langen Atem und jede Menge Selbstständigkeit mitbringen, um irgendwann wirklich anzukommen. Jenseits des Partyrummels, der Trends und Aufgeregtheit liegt nämlich ein riesengroßes Brachland aus Unverbindlichkeit, das jeder früher oder später durchschreiten muss. Zumindest dann, wenn man sich nicht zeit seines Lebens mit oberflächlichen Bekanntschaften und schneller Bedürfnisbefriedigung begnügt. Grundsätzlich war das hier schon immer so, nur hat sich jene Bedeutungslosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich in den letzten paar Jahren drastisch verstärkt. Eine Erkenntnis, die ich mit etlichen Leuten aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten teile.
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Vier Jahre, meine Mutter und ich

Als Mutter zum letzten Mal vor mir stand, war ich schwerst depressiv und in nervöser Aufbruchsstimmung. Denn nur einen Tag nach ihrer Ankunft in Berlin machte ich mich auf den 500 Kilometer langen Weg zur Rehaklinik. In den ersten Wochen wollte Mama meine Katzen hüten und die Spreemetropole ausgiebig erkunden, was sie auch tat. Das war im März 2014. Seither vergingen beinahe vier Jahre, in denen ich zwar regelmäßig mit ihr telefonierte, sie aber nicht zu Gesicht bekam. Dabei trennen uns gerade mal dreieinhalb Autostunden. Mehrfach fragten mich Freunde und Bekannte, warum wir uns so selten sehen und genauso oft erzählte ich von den Ängsten und anderen widrigen Umständen. Es hatte einfach nicht sein sollen.
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Gedanken eines zynischen Raumfahrers

Mein Leben trug schon immer surreale Farben. Vieles in den letzten 40 Jahren erschien mir unwirklich und diffus, als hätte ich es in einem Film gesehen oder Büchern entnommen. Im Gegensatz dazu standen diverse Träume, die wesentlich greifbarer waren. Deren süßliches oder bitteres Aroma ich beinahe auf der Zunge schmecken konnte. Die mich nachhaltig beeinflussten, sei es im Guten oder im Schlechten. Zugegebenermaßen kam das nicht allzu oft vor, aber darum geht es mir auch gar nicht. Vielmehr möchte ich das Augenmerk auf den ersten Teil dieser Einleitung legen. Nämlich darauf, dass ich der täglichen Realität nicht mehr glauben oder trauen kann. Weder bringt sie mich näher an meine Umwelt, noch kann sie Zuversicht oder Perspektiven liefern.
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Gefangen zwischen den Jahren

Die Weihnachtstage sind vorbei und wie immer bin ich dafür auch ein bisschen dankbar. Zwar genoss ich die Stille im Kiez und war froh, ein paar Stunden ohne meine endlos streitenden Nachbarn erleben zu dürfen, aber mehr auch nicht. Am 24.12. fing eigentlich alles gut an, denn ich bekam überraschenderweise Besuch und verbrachte einen kurzweiligen Abend, völlig losgelöst von großartigen Erwartungen oder falscher Besinnlichkeit. Ein durchaus gelungener Auftakt, der mich positiv auf die nähere Zukunft blicken ließ. So konnte ich den Montag recht gut alleine stemmen, ohne zu viel nachzudenken oder meine fehlende Familienzugehörigkeit zu betrauern. Am Dienstag dagegen sollte ich so tief wie schon lange nicht mehr sinken.
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Weihnachten für Einzelgänger

Seit nun mehr acht Jahren verbringe ich die Weihnachtstage alleine bei mir zu Hause. Was für andere immer noch ein absolutes No-Go ist, wurde in meinem Leben längst schon zur Gewohnheit. Mit Schrecken erinnere ich mich an Zeiten zurück, in denen ich im Kreise der Familie eine Farce der Glücksseligkeit feierte, die deprimierender nicht sein konnte. Als Kind ging das Ganze noch irgendwie, weil man sich auf Geschenke fokussierte und den faden Beigeschmack weniger wahrnahm. Die einzige Zusammenkunft nach meinem 18. Geburtstag mutierte dagegen zur tränenreichen Katastrophe voller Heuchelei. Wenn sich hinter einer hauchdünnen Schicht aus Besinnlichkeit der Müll meterhoch stapelt, lässt sich das eben nur schwer ausblenden.
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Liebesgrüße aus der Leistungsabteilung

Am 29. August erreichte mich ein Brief vom Jobcenter, der mir den Boden unter den Füßen wegzog. Eigentlich bin ich von jener Institution einiges gewohnt und lasse mich auch durch den scharfen Ton ihrer Schriftstücke nicht mehr allzu lange aus der Ruhe bringen. Bis zu dieser annähernden Gelassenheit war es jedoch ein langer Weg. Und an besagtem Dienstagmorgen konnte davon keine Rede sein. Denn im gewohnt nüchternen Amtsdeutsch verlangte die Leistungsabteilung diesmal einen Nachweis der Antragsstellung auf Erwerbsminderungsrente. Dafür hatte ich eine Frist von 12 Tagen und bei Nichterfüllung drohte man mir mit den üblichen Strafmaßnahmen bis hin zur Totalsanktion. Wie vom Donner gerührt stand ich minutenlang still in meiner Küche und gab mich den schlimmsten Katastrophenszenarien hin. Würde ich auch diesen neuen Kampf noch durchstehen?
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Das Jahr ohne Sonne

Im Februar verfasste ich den Artikel „Nichts ist, wie es war“, in dem persönliche Fortschritte des Jahres 2016 dokumentiert sind. Ich konnte tatsächlich einiges an meiner Situation verbessern und Boden gutmachen, was natürlich jeder lesen sollte. Anfang 2017 wendete sich das Blatt dann jedoch wieder, denn es traten physische Schmerzen auf den Plan, die mich circa vier Monate begleiteten. Zudem begann ich im März, nach dreizehn Wochen Abstinenz, wieder mit dem Trinken. Danach ging es dann Schlag auf Schlag. Meine Angststörung erreichte ab April neue Höhepunkte und vernichtete beinahe alles, was ich mir an Lebensqualität zurückerobert hatte. Jeder noch so kleine Schritt in die Öffentlichkeit war mit bizarren Befürchtungen verbunden und auch zu Hause verfolgte mich die Dunkelheit bis in den Schlaf.
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Der Feind heißt Mensch

Soziale Kontakte bedeuten für mich Stress. Mal mehr und mal weniger, aber grundsätzlich immer. Es gibt nur eine Ausnahme und das ist meine liebe Freundin Christina, bei der ich mir erlaube, ich selbst zu sein. Um an diesen Punkt zu gelangen, benötigt es Jahre des Vertrauen Verdienens. Und des „am Ball Bleibens“, bei jemandem, der sich schon wegen Kleinigkeiten wieder zurück in sein Schneckenhaus verkriecht. Darin Zuflucht sucht und alle anderen aussperrt. Der oft nur eine sehr dünne Schutzhaut hat, sensibel und distanziert ist. Dessen Komfortzone in frühester Kindheit entheiligt wurde. Der schnell lernen musste, dass der Mensch eine bösartige Kreatur sein kann.
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Wie ich zur digitalen Ramschware wurde

Ich kenne niemanden, der in puncto Onlinedating so eine lange Geschichte vorzuweisen hat, wie ich. Schon kurz nachdem 1998 mein erster Internetanschluss stand, trieb ich mich in diversen Chaträumen und Foren herum. Zuerst nur, um gleich gesinnte Musikfans zu treffen, bald aber auch mit romantischen Absichten. „Der Megatrend im World Wide Web heißt Chatten“, schrieb das FOCUS Magazin in 2000. Als diese prophetische Weisheit verkündet wurde, war ich bereits ein absoluter Profi und konnte etliche lange Nächte am Rechner verbuchen. Warum also rausgehen und im Provinzkaff nach der Liebe des Lebens suchen, wenn sich die Anbahnung auch bequem von zu Hause aus erledigen ließ?
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